DOC für Likörwein in der italienischen Region
Sizilien. Der wohl berühmteste sizilianische Wein zählt zu den bekanntesten Dessertweinen der Welt. Er ist nach der gleichnamigen Hafenstadt (von arabisch Marsah-el-Allah = Hafen oder Tor Gottes) in der Provinz Trapani benannt. Die Zone mit über 5.000 Hektar Rebfläche umfasst mit Ausnahme der Sizilien vorgelagerten und zugehörigen Insel
Pantelleria, sowie der beiden Gemeinden Alcamo und Favignana die gesamte Provinz Trapani. Im Jahre 1770 kam der englische Kaufmann und Weinexperte John Woodhouse nach Marsala und begann mit dem Export von sizilianischen Weinen nach England, weil dort der Bedarf an
Portwein und
Sherry das Anbot überstieg. Als Jahr der „Erfindung“ gilt 1773, als Woodhouse jedem der für Großbritannien bestimmten Vierhundertliter-Fässer acht Liter Weingeist beimengte. Er hatte sich vorher bereits in Portugal mit der Herstellung von Portwein beschäftigt. Im Jahre 1796 eröffnete er in Marsala das aus einem Lagerhaus und Kellerei bestehende erste Marsala-Haus.
Der Erfolg des neuen Weines wurde durch den englischen Admiral Horatio Nelson (1758-1805) eingeleitet, der 1800 für die englische Flotte eine jährliche Lieferung von 500 Fässern anordnete. Im Jahre 1812 gründete der Engländer Benjamin Ingham eine zweite Firma in Marsala und exportierte den Wein auch nach Amerika und Australien. Das größte, heute noch bestehende Marsalahaus Florio wurde im Jahre 1832 von Vincenzo Florio eröffnet. Alle drei Unternehmen wurden schließlich im Jahre 1929 vom Wermut-Haus
Cinzano übernommen. Die DOC-Regeln von 1969 ließen noch ein
Aromatisieren mit Ingredienzien wie Bananen, Eiern, Chinarinde, Erdbeeren, Mandeln, Sahne, Kaffee etc. zu. Besonders der mit Eigelb versetzte „Marsala all’Uovo“ war ungemein populär. Diese als „Marsala Speciale“ bezeichneten Varianten hatten sogar einen eigenen DOC-Status. Die zum Teil recht abenteuerlichen Mixturen trugen letztlich zum schlechten Image bei.
Im Jahre 1984 wurden neue und stark einschränkende DOC-Regeln erlassen. Die Spezialformen durften nicht mehr als Marsala bezeichnet werden und die erlaubten Zusätze und Herstellungs-Methoden wurden streng geregelt. Das Ausgangsprodukt ist ein unterschiedlicher Verschnitt aus den weißen Sorten Ansonica (Inzolia), Catarratto, Damaschino und die als qualitativ beste geltende Grillo, sowie den roten Sorten Calabrese (Nero d’Avola), Nerello (mit den Klonen Mascalese und Cappuccio) und Perricone (Pignatello). Es gibt die drei Farbtypen
Oro (weiß, goldfarbig),
Ambra (weiß, bernsteinfarbig) und
Rubino (rubinrot, im Alter bernsteinfarben). Für alle Oro- und Ambra-Typen werden in beliebiger Mischung die vier weißen Rebsorten, für alle Rubino-Typen die drei roten (70-100%) und die weißen Sorten (bis 30%) verschnitten. Bei allen drei unten angeführten Marsala-Qualitäten gibt es diese drei Farbvarianten. Die Weine werden in drei verschiedenen Süßegraden ausgebaut. Dies sind
Secco (trocken, Restsüße unter 40 g/l),
Semisecco (halbtrocken, 40 bis 100 g/l) und
Dolce (süß, über 100 g/l). Seit dem Jahre 1984 darf nur den zwei Typen Fine und Superiore „Mosto cotto“ (gekochter, eingedickter Most) zum Süßen und/oder „Sifone“ (gespriteter Most) zugesetzt werden. Auf den Flaschen-Etiketten sind manchesmal Abkürzungen enthalten. Diese bezeichnen die genaue Herstellungsart, sind aber eher nur verwirrend. Es gibt folgende Marsala-Qualitäten:
Fine: Dieser mengenmäßig häufigste Typ genießt qualitätsmäßig eine eher geringe Reputation, da zum Großteil einfachste Weine produziert werden. Die Reifezeit beträgt zumindest ein Jahr, wobei dies nicht im Fass erfolgen muss. Der Alkoholgehalt muss zumindest 17% vol betragen. Auf den Etikett kann I. P. (Italy Particular) angeführt sein.
Superiore: Reifezeit im Fass ist zumindest zwei und für
Superiore Riserva zumindest vier Jahre. Der Alkoholgehalt muss zumindest 18% vol betragen. Zum überwiegenden Teil werden diese Weine süß (Dolce) ausgebaut. Am Flaschen-Etikett kann SOM (Superior Old Marsala), LP (London Particular) oder GD (Garibaldi Dolce) angeführt sein.
Vergine oder
Soleras: Bei diesem hochwertigsten Marsala-Typ werden Weine aus verschiedenen Jahrgängen und Qualitäten ähnlich dem Solera-System beim
Sherry miteinander kunstvoll verschnitten. Das Süßen und Spriten ist gegenüber den anderen zwei Typen untersagt. Er wird auch als einziger Typ nur in „Secco“ (trocken oder sehr trocken) ausgebaut. Die alternativ verwendeten Zusatz-Bezeichnungen Vergine und Soleras, sowie Riserva und Stravecchio haben dieselbe Bedeutung. Die Reifezeiten im Fass betragen zumindest fünf; für
Vergine (Soleras) Stravecchio bzw.
Vergine (Soleras) Riserva zumindest zehn Jahre. Der Alkoholgehalt muss zumindest 18% vol betragen.
Auf dem Flaschen-Etikett werden nach dem Produktnamen angeführt: Variante, Farbe und Süßegrad; zum Beispiel
Marsala Vergine Stravecchio Oro Secco. Die große Zeit des Marsala scheint jedoch vorbei zu sein. Ab Mitte der 1980er-Jahre gab es auf Grund der ab 1984 eingeführten strengeren DOC-Bestimmungen eine kurzfristige Renaissance, in der Zwischenzeit scheint jedoch der traditionsreiche Wein wieder langsam in Vergessenheit zu geraten. Die Produktionsmengen gingen auf ein Fünftel zurück, heute werden jährlich nur mehr rund 110.000 Hektoliter erzeugt. Vergines/Soleras gibt es nur mehr in geringen Mengen. Bekannte Produzenten sind (waren): Marco de Bartoli,
Donnafugata (erzeugt keinen mehr), Florio,
Pellegrino und Rallo. Bartoli führt bei seinem ausgezeichneten Spitzenprodukt „Vecchio Samperi“ in Vergine-Qualität die Produkt-Bezeichnung „Marsala“ gar nicht auf dem Flaschen-Etikett an (kein DOC-Status), sondern vermarktet diesen nur als einfachen Vino da Tavola. Der Grund sind Unstimmigkeiten mit den zuständigen Stellen.