Wein-Infothek
Weinerzeugung - Technik oder Romantik?
Über kaum ein Thema wird dermaßen verträumt und schönmalerisch geschrieben wie über die Herstellung von Wein. Dabei ist die Erzeugung von Wein heutzutage ein hochtechnischer Vorgang,
der leider nur wenig mit der Weinromantik zu tun hat.
Wenn ich im Folgenden die Erzeugung von Wein beschreibe und dabei auch Verfahren beim Namen nenne, die meistens verschwiegen werden, laufe ich natürlich Gefahr, dem Image des Weins zu
schaden. Ich hoffe nicht, dass dies passiert. Ich meine, dass bestimmte Auswüchse bei der Technisierung der Weinerzeugung nur verhindert werden können, indem man diese beim Namen nennt und
Aufklärung betreibt.
Es beginnt mit dem Rebstock
Die für unseren Wein verwendeten Reben haben mit der Wildrebe nicht mehr viel gemeinsam. Unsere Weinreben sind das Resultat einer Jahrhunderte langen Züchtung.
Dabei werden im Wesentlichen gewünschte Eigenschaften selektiert und für die weitere Vermehrung verwendet. Oft werden dazu auch Mutationen ausgenutzt, d.h. sprunghafte Veränderungen von
Eigenschaften, die dann vermehrt werden. Das Resultat ist eine heute bestehende gigantische Vielfalt von Rebsorten.
Züchtung kann auch bedeuten, aus zwei bestehenden Rebsorten durch Kreuzung eine völlig neue Rebsorte zu erzeugen. In
diesem Fall spricht man auch von Neuzüchtungen.
Müller-Thurgau, Scheurebe, Huxelrebe, usw. sind bekannte Beispiele für Neuzüchtungen.
Alles in allem spricht man heute von mehreren zehntausend Rebsorten.
Neue Füße braucht die Rebe - Pfropfreben
Eine gefährliche Blattlaus mit dem Namen Reblaus sorgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa für eine
unglaubliche Katastrophe. Ein Großteil aller Rebbestände wurden in dieser Zeit durch die Reblaus zerstört.
In Amerika dagegen gibt es die Reblaus schon seit Jahrmillionen. Die Rebstöcke dort haben eine Resistenz gegen die Reblaus ausgebildet und sind gegen sie völlig immun.
Die Reblaus zerstört die Wurzeln der Rebe, nicht das Blattwerk oder die Trauben. Ende des 19. Jahrhunderts begann man, die europäischen Reben auf die resistenten Unterteile der Amerikaner-Reben
aufzupfropfen (Veredelung).
Was wir heute bis auf sehr sehr wenige Ausnahmen (wurzelechte Reben) in den Weinbergen finden, sind also auf diese Art und Weise veredelte Reben.
Auch die Rebe will erzogen werden
Wenn man die Reben im Weinberg einfach natürlich wachsen lassen würde, käme da wohl kaum ein anständiger Wein heraus. Statt dessen wird der Wuchs der Rebe im Weinberg stark beeinflusst.
Durch regelmäßiges Schneiden, Binden, Biegen etc. wird die Rebe in genau vorgegebener Form an Kletterhilfen erzogen.
Es gibt, je nach klimatischen Gegebenheiten und Tradition, die unterschiedlichsten Erziehungssysteme.
Zur Erziehung gehört es, zumindest bei qualitätsorientierten Erzeugern, auch die Menge der Trauben pro Weinstock zu begrenzen. Das fängt schon mit dem Winterschnitt
an, in dem dem Weinstock nur eine begrenzte Anzahl von Knospen belassen wird; das geht aber weiter mit dem Ausdünnen im
Sommer, wenn noch einmal überschüssige Trauben abgeschnitten werden. Je weniger Trauben pro Rebstock heranwachsen, um so mehr kann sich die Rebe auf diese Trauben konzentrieren. Das führt
zu einer deutlichen Qualitätsverbesserung der Trauben, aber natürlich auch zu geringeren Erträgen des Winzers.
Ohne Chemie geht es im Weinberg nicht
Wenn wir uns in einer Weinregion befinden und unseren Blick über die Weinberge streifen lassen, schlägt unser Herz höher. Wir sehen Rebstock neben Rebstock; Rebe neben Rebe. So
schön das auch ist, wir sollten nicht vergessen, dass es sich hier um eine gigantische Monokultur handelt.
Derartige Monokulturen bedürfen ein hohes Maß an Düngung und sind sehr anfällig gegen tierische
Pflanzenschädlinge.
Weitere Feinde für die Rebe sind neben diesen tierischen Schädlingen Bakterien,
Viren und diverse Pilzarten. Letztere befallen
insbesondere die Traube selbst.
Ohne den Einsatz von Bioziden hätte der Winzer keine Chance gegen all diese Bedrohungen und wir keine Freude am Wein.
Nun geht es vom Weinberg in den Keller - Die Lese
Irgendwann ist dann endlich die Traube so weit. Entweder sie ist optimal reif oder sie muss gelesen werden, weil ansonsten die Fäule nicht mehr zu beherrschen ist.
Der Lesezeitpunkt hängt natürlich auch davon ab, welchen Weintyp man anstrebt. Bei einem Eiswein muss man entsprechend
niedrige Außentemperaturen abwarten. Das ist immer ein Glücksspiel. Aber auch hier kann etwas "nachgeholfen" werden: Folien, mit denen der Weinberg abgedeckt wird oder Spritzmittel
zur Verhinderung einer bei Eiswein eigentlich unerwünschten Botrytis, helfen die Wartezeit zu überstehen.
Selbst ein künstliches Frieren der Trauben ist denkbar und in einigen Ländern, z.B. Kalifornien, auch erlaubt und praktiziert.
Die Weinlese ist in den Weinbaugebieten eine jährliche Attraktion. Scharen von Weintouristen kommen dann in die Weinanbaugebiete um zuzusehen oder auch mitzuhelfen den Wein in den Keller
zu bekommen und dafür mit einem Federweißen, Sauser, Bremser oder wie immer der noch gärende Traubenmost in den Regionen genannt wird belohnt zu werden.
Auch hier spielt die Maschine eine mittlerweile unverzichtbare Rolle. Es wäre wohl kaum möglich, sämtliche Trauben durch Handlese zu ernten. Die Maschine macht das viel schneller, mit
geringerem Personaleinsatz und zumindest für Massenweine genau so zuverlässig. Einen Vorteil der maschinellen Lese sollte man nicht vergessen: Die Lese kann wegen der höheren
Geschwindigkeit gerade bei unbeständiger Witterung kurzfristig und zum bestmöglichen Zeitpunkt durchgeführt werden.
Lediglich die besseren Qualitäten und Trauben aus für den Maschineneinsatz zu steilen Weinbergen werden mit der Hand gelesen. Auslese (in den meisten Anbaugebieten) und höhere Prädikate
müssen in Deutschland sogar mit der Hand gelesen werden. Die Handlese hat den Vorteil, dass selektiv in mehreren Durchgängen in zeitlichem Abstand die dann jeweils dann reifen Trauben
gelesen (oder auch die Faulen herausgelesen) werden können und auch bereits während der Lese eine erste Selektion des Traubengutes möglich ist.
Nach dem Abschneiden der Trauben vom Weinstock geht es jetzt hoffentlich schnell und ohne dass die Trauben beschädigt werden in den Pressraum. Die Größe der Sammelgefäße spielt hier
eine wesentliche Rolle.
Einige wenige Erzeuger machen sich jetzt noch einmal die Mühe, die Trauben kurz vor dem Pressen noch einmal zu selektieren. Unbrauchbare Trauben werden weggeworfen. Manchmal geht das sogar
so weit, dass aus den Trauben selbst noch faule und kranke Beeren herausgeschnitten werden.
Weg mit den Stielen und Kämmen
Das Abbeeren (oder Entrappen) dient dazu, die Trauben von den Stielen zu trennen.
Bei der Weißweinerzeugung entfällt das Entrappen, wenn die sogenannte Ganztraubenpressung angewandt wird,
bei der die Trauben komplett inkl. Kämme und Stiele gepresst werden. Das ist aber noch ein relativ neues und seltenes Verfahren.
Bei der Rotweinerzeugung können die Stiele und Kämme bei der konventionellen Maischegärung mitgekeltert oder
vorher durch Abbeeren entfernt werden. Bei der sogenannten Kohlensäure-Maischung
(Macération carbonique) werden die unverletzten Trauben im Ganzen vergoren.
Zuerst gibt es nur sanften Druck - Anquetschen
Sofern die Beeren nicht bereits beim Entrappen oder während der Lese in speziellen Maischewägen gemahlen wurden, werden die Trauben jetzt durch leichten Druck angequetscht, um die
Beerenhäute aufplatzen zu lassen (entfällt bei der Ganztraubenpressung). Die resultierende Maische muss spätestens jetzt geschwefelt
werden, um eine vorzeitige, wilde Gärung oder eine Oxydation zu vermeiden.
Weniger ist mehr - Entsaften der Rotweinmaische
Nach dem Anquetschen kann man jetzt bereits auslaufenden Saft trennen (Saftentzug). Dieser Saft hat im Vergleich zum später entstehenden Saft weniger Farbstoffe und Tannin. Auf der
anderen Seite verbleibt aber im restlichen Most ein höherer Farbstoff- und Tanninanteil, was kräftigere Rotweine im Ergebnis bringt.
Der in diesem Stadium entzogene Saft kann zur Erzeugung von Rosee oder zur Erzeugung von weißem Wein aus Rotweintrauben (darf in Deutschland nicht Weißwein genannt werden) verwendet
werden.
Bei Weißwein hat dieses Verfahren eine kleinere Bedeutung.
Raus mit den Mufftönen - Maischeschönung
Schon die Maische kann durch chemische Behandlungsmethoden von unliebsamen Eigenschaften befreit werden.
Ein wenig mehr Geduld - Kaltmazeration, Einmaischen
Um bei Rotwein (und teilweise auch bei Weißwein) den Schalen zusätzliche Aromen und Farbstoffe zu entziehen, kann nun die Maische gekühlt und so eine zeitlang stehen gelassen
werden, ohne dass die Gärung einsetzt.
So entstehen Blender - Maischeerhitzung
Dieses bei Rotwein teilweise angewendete Verfahren verstärkt die Farbstoffextraktion aus dem Most, führt also zu einer dunkleren Farbe des fertigen Weines.
Die Maische wird zu diesem Zweck auf Temperaturen von ca. 60 °C bis 85 °C erhitzt. Ein anderer Grund für die Maischeerhitzung ist, dass dadurch evt. vorhandene Keime abgetötet werden
was die Vergärung risikoloser macht.
Anschließend wird, im Gegensatz zur konventionellen Rotweinerzeugung, der Most von der Maische abgepresst und erst dann vergoren. Das Verfahren ist also einfacher zu handhaben als die bei
Rotwein sonst übliche Vergärung auf der Maische.
Die Aromenstruktur der Weine wird durch dieses Verfahren verändert, weshalb die Maischeerhitzung von vielen Weinfreunden abgelehnt wird.
Ab in die Presse - Keltern
Für den eigentlichen Pressvorgang gibt es unterschiedliche Technologien. Allen gemeinsam ist, dass ein mechanischer
Druck auf die Maische den Saft von den Feststoffen trennt. Verbreitet ist die Spindelkelter, die Schneckenpresse die Schlauchpresse, die alte Korbpresse und die modernen pneumatischen Pressen.
Letztere ermöglichen eine sehr feine Regulierung des auszuübenden Drucks, so dass unerwünschte Bestandteile aus der Schale oder aus den Kernen (bzw. aus Stielen bei der Ganztraubenpressung)
nicht herausgelöst werden.
Weißwein wird auf jeden Fall vor der Gärung gepresst, Rotwein dagegen in der Regel erst nach der Gärung (gilt nicht für das Verfahren der Maischeerhitzung).
Zusatz von Enzymen
Enzyme spielen bei den Stoffwechselvorgängen bei der Weinbereitung eine wesentliche Rolle. Ein Zusatz von Enzymen kann
die Aromen- und Farbausbeute steigern. Auch zur Beseitigung von Klärschwierigkeiten spielt der Zusatz von Enzymen zum Most oder fertigen Wein eine Rolle.
Raus mit den Trubteilen - Klären des Mosts
Insbesondere Most für Weißwein muss vor der weiteren Verarbeitung (d.h. i.d.R. Vergärung) geklärt werden. Das geschieht, indem man die Maische entweder einfach in einem
Klärbehälter stehen lässt, damit sich Trubteile absetzen, oder auch durch Mostschönung, Zusatz von Enzymen, Filtration, den Einsatz von Zentrifugen oder einer Kombination mehrerer
Verfahren.
Auch die Verwendung von Aktivkohle ist z.B. zum Entfernen von Fehltönen sowie zur Farb- und Gerbstoffkorrektur möglich.
Konzentration durch Umkehrosmose
Mit Hilfe dieses Verfahrens wird dem Most Wasser entzogen. Dadurch steigt der relative Anteil der restlichen Stoffe (Extrakt) an, was dann einen konzentrierteren Wein ergibt. Bei der Umkehrosmose
wird der Most durch eine halbdurchlässige Trennwand von einer Kammer mit Wasser getrennt. Durch Erhöhen des Drucks in der Kammer mit dem Most, wandern die Wassermoleküle im Most in die
Kammer mit dem Wasser.
Dieses Verfahren erfreut sich zunehmender Beliebtheit bei den Weinproduzenten in der ganzen Welt.
Konzentration durch Vakuumdestillation
Auch dieses Verfahren entzieht dem Most Wasser und führt somit zu einer Konzentration des Weines.
Es wird der Umstand ausgenutzt, dass der Siedepunkt von Wasser bei niedrigen Drücken sinkt. Bei einem Druck von 0,03 Bar siedet (also verdampft) Wasser im Most schon bei einer
Temperatur von etwa 25 °C. Der entstehende Dampf wird an gekühlten Flächen kondensiert und auf diese Art und Weise entzogen.
Turboeiswein - Kryoextraktion (Gefrierkonzentration)
Dieses Verfahren zur Mostkonzentration ähnelt dem Prinzip der Eisweinerzeugung.
Kühlt man wasserhaltige Lebensmittel langsam unter 0°C ab, so bilden sich reine Eiskristalle und die übrigen Bestandteile konzentrieren sich auf. Das Trennen der Eiskristalle von der
Restflüssigkeit nennt man Gefrierkonzentrieren.
Der Gefrierbeginn der Weintrauben liegt bei ca. -2°C.
Die Trauben müssen kalt (<0°C) gepresst werden, damit sich der konzentrierte Saft nicht wieder verdünnt.
Nachholen, was die Natur nicht geschafft hat - Chaptalisierung
Bei der Gärung wird der Fruchtzucker in Alkohol und CO2 umgewandelt. Wenn der Fruchtzucker nicht ausreicht, kann dem durch Zusetzen von Zucker (Rohr- oder Rübenzucker) zum Most
vor Beginn der Gärung nachgeholfen werden.
In Deutschland ist die Chaptalisierung (Anreicherung) bei Prädikatsweinen (also Kabinett, Spätlese etc.) nicht
zulässig.
Die Hauptsache bei der Weinbereitung - Gärung
Gären bedeutet, Zucker in Alkohol, CO2 und Wärme umzuwandeln. Dies ist die Aufgabe von Hefen.
Hefen sind im Most in natürlicher Form vorhanden, wenn sie nicht längst durch einige der oben beschriebenen Maßnahmen abgetötet wurden.
Kaum noch ein Erzeuger verlässt sich jedoch bei der Gärung auf diese natürlichen Hefen. Im Gegenteil: Oft werden diese vor der Gärung gezielt durch Sterilisation des Mostes abgetötet,
um dann mit Hilfe von künstlich zugesetzten Reinzuchthefen viel kontrollierter den Wein vergären zu können.
Reinzuchthefen werden, wie der Name schon sagt, gezüchtet. Dabei werden bestimmte Eigenschaften der Hefen gefördert. Diese Eigenschaften können Einfluss auf das Gärverhalten haben
(wirksamer Temperaturbereich, Empfindlichkeit gegenüber Zucker, Alkohol, Kohlendioxid etc.). Die Hefen bestimmen aber auch weitreichend das Aroma des späteren Weines. Mit Hilfe von
entsprechend gezüchteten Hefen kann man heute das Aroma des Weines weitreichend beeinflussen.
Der Zusatz von Gärhilfsstoffen und Hefenährsalzen kann die Arbeit der Reinzuchthefen unterstützen.
Ein wichtiger Faktor bei der Gärung ist die Temperatur. Traditionell war die Gärtemperatur mehr oder weniger auf sich allein gestellt und von der Kellertemperatur abhängig. In modernen
Kellern können die Gärbehälter gekühlt werden bzw. die Temperatur wird automatisch geregelt. Das ermöglicht eine kühle Vergärung. Auch die Größe der Gärbehälter kann einen
erheblichen Einfluss auf die Gärtemperatur ausüben (je kleiner sie sind, desto geringer ist die Gärtemperatur). Die Gärtemperaturen und die damit verbundenen Gärzeiten haben großen
Einfluss auf den Stil des Weines. Jeder Erzeuger hat hier seine eigene Philosophie.
Turbo-Holzfass - Künstliche Mikrooxidation
(Hyperoxidation)
Durch Einblasen von kleinen Sauerstoffpartikeln in den Wein (Anwendung insbesondere bei Rotweinen) wird der Effekt simuliert, der normalerweise erst durch Ausbau im Holzfass entsteht. Der
Wein bzw. die im Wein enthaltenen Gerbstoffe werden dadurch geschmeidiger.
Malolaktische Gärung (biologischer Säureabbau)
Diese zweite Gärung wird nicht durch Hefen sondern durch Bakterien (Milchsäurebakterien) verursacht. Bei dieser Gärung wird Äpfelsäure in Milchsäure umgewandelt.
Bei Rotwein ist die malolaktische Gärung immer erwünscht. Kommt sie nicht zustande, kann diese durch den künstlichen Zusatz von Milchsäurebakterien initiiert werden.
Bei Weißwein hängt es vom gewünschten Weinstil und den regionalen Traditionen ab, ob eine malolaktische Gärung durchgeführt wird.
Die meisten deutschen Weißweine erfahren z.B. keine zweite Gärung, weiße Barriqueweine machen meistens zumindest teilweise eine malolaktische Gärung durch.
Chemie hilft mit - Schönen
Der Wein, also der vergärte Most, wird nun geschönt. Das bedeutet, er wird von unerwünschten Eigenschaften befreit.
Das kann auf mechanischem Weg geschehen (Filtern oder absetzen lassen) oder auch auf chemischem Wege. Durch chemische Schönung können z.B. Eisen, Schwermetalle, Schwefel, Gerbstoffe oder
einfach nur Stoffe, die durch eine vorangegangene Schönung zugesetzt wurden, dem Wein entzogen werden. Viele Weinfehler werden durch entsprechende Schönung beseitigt, so z.B. Böckser.
In Deutschland sind z.B. die folgenden Klärmittel zugelassen: Bentonit, tierisches Eiweiß, Hausenblase, Kaolinerden, Kasein, Kieselsol, Speisegelatine und Tannin.
Der ist mir zu sauer - Entsäuerung
Zu viel Säure wird durch Entsäuerung beseitigt. Das geschieht durch Zusatz von Calciumcarbonat oder
Kaliumcarbonat aber auch durch die malolaktische Gärung (siehe oben).
Der notwendige Unsinn - Weinstein ausfällen durch Kaltstabilisierung
Leider hat es sich noch nicht beim Verbraucher rumgesprochen, dass Weinstein im Wein kein Qualitätsmangel ist. Daher wird der Weinstein vor der Abfällung oft künstlich ausgefällt. Das
kann im einfachsten Fall durch Abkühlen des Weines für mehrere Tage bis knapp über dem Gefrierpunkt erreicht werden. Das kann unterstützt werden durch Zusatz von Kontaktweinstein.
Die Zugabe von Metaweinsäure (hergestellt durch Veresterung von Weinsäure) zum Wein vor der Abfüllung verhindert ebenfalls für einige Monate die Abscheidung von Weinsteinkristallen.
Barrique für arme Leute - Ausbau im Holzfass
Der Ausbau des Weins erfolgt heute hauptsächlich im Edelstahltank, im großen oder im kleinen Holzfass.
Der Ausbau im Edelstahltank führt zu reduktiven, frisch-fruchtigen Weinen. Der Ausbau im großen Holzfass führt zu einem anderen Weinstil, da durch die ständige, minimale Luftzufuhr
durch die Holzwände eine Mikrooxidation stattfindet, was den Wein haltbarer und geschmeidiger macht.
Das kleine Holzfass (Barrique) hat neben diesem Effekt noch den Effekt, dass es Holzaromen und zusätzliche Tannine an den Wein abgibt. Der Wein wird also im Idealfall komplexer.
Mittlerweile werden in einigen Ländern auch Verfahren praktiziert, die ebenfalls diese Auswirkung haben, aber wesentlich billiger sind: Es werden einfach spezielle Holzchips dem Wein
beigefügt, der ansonsten im wesentlich billigeren Edelstahltank oder im großen Holzfass ausgebaut wird. Das geht schneller und ist billiger als Barriquefässer. Das Problem: Nachweisbar ist
diese Methode im fertigen Wein nicht.
Gegen Schnupfen? - Zusatz von Ascorbinsäure
Bei Ascorbinsäure handelt es sich um reines Vitamin C. Dieses kann vor der Abfüllung dem Wein zugesetzt werden,
um dessen Säuregehalt und damit auch das Alterungspotential zu erhöhen.
Im manchen Ländern ist auch der Zusatz von Weinsäure zulässig und wird dort ggf. praktiziert.
Frisch soll er sein - Zusatz von Kohlensäure
Weine mit Kohlensäure wirken frischer und lebendiger. Dieser Effekt ist bei jungen Weißweinen manchmal erwünscht. Sofern nicht noch von der Gärung Kohlensäure im Wein vorhanden ist,
kann diese vor Abfüllung dem Wein zugesetzt werden.
Drinlassen oder Zugeben? - Restzucker
Restzucker ist insbesondere in manchen Weißweinen erwünscht.
Die Hefen arbeiten i.d.R. so lange, bis entweder der in den Trauben vorhandene oder zugesetzte Zucker vollständig in Alkohol umgesetzt ist oder der Zucker- und/oder Alkoholgehalt so hoch
wird, dass die Hefen ihre Arbeit einstellen.
Will man leichte, restsüße Weine erzeugen, kann man die Gärung durch Kühlung oder Zugabe von SO2 künstlich abstoppen. Oder man kann den Wein durchgären lassen und
anschließend die sogenannte Süßreserve zusetzen, um den Wein nachträglich wieder zu süßen. Bei der Süßreserve
handelt es sich um unvergorenen (also süßen) Traubenmost, der durch Sterilisation vor einer unerwünschten Gärung geschützt wurde.
Verbreitet ist heute das zweite Verfahren (Süßreserve), aber auch das Abstoppen der Gärung wird vor allem von qualitätsbewussten Erzeugern durchgeführt.
Jetzt wird gemischt - Verschnitt
Während in den meisten Ländern der Verschnitt von mehreren Rebsorten durchaus üblich ist, hat Deutschland eine andere Tradition: Hier werden hauptsächlich reinsortige Weine verkauft.
Verschnitten werden i.d.R. nicht die Trauben oder der Most, sondern erst der fast fertig ausgebaute Wein.
Verschnitten werden auch Weine unterschiedlicher Herkunft oder aus unterschiedlichen Jahrgängen. In Deutschland darf bis zu 15% des Weines aus anderen Rebsorten, Lagen oder Jahrgängen
stammen, als auf dem Etikett angegeben! Dazu kommt ggf. die Süßreserve, so dass in Summe bis zu 25% des Weines aus anderen Lagen, Jahrgängen oder Rebsorten stammen darf.
Zum guten Schluss - Abfüllung
Bei der Abfüllung ist Sterilität besonders wichtig, um Verunreinigungen, die z.B. in der Flasche zu Nachgärungen führen können, zu vermeiden.
Meistens wird aus diesem Grund unter Schutzgas (Stickstoff oder Kohlensäure) abgefüllt. Oft erfolgt auch eine Heißabfüllung, bei der der Wein während der Abfüllung auf 55 °C erhitzt
wird, um ihn steril zu halten.
Schlussbemerkung
Viele der oben geschilderten Verfahren, egal ob technischer oder chemischer Natur, hören sich nicht an, als könnte man Wein wirklich guten Gewissens trinken könnte. Ich glaube, das
wäre ein Trugschluss. Die genannten Verfahren sind erprobt und zulässig. Eine chemische Verunreinigung des Weines müssen wir nicht fürchten, solange sich die Erzeuger an die Gesetze
halten.
Ich jedenfalls trinke gerne meinen Wein und habe keinerlei Angstneurosen. Ich hoffe, dem Leser dieser Seite wird es auch weiterhin so gehen.
Utz Graafmann
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