Der schon seit Jahrhunderten wohl berühmteste Wein
Ungarns ist nach der Stadt Tokaj im Nordosten des Landes nahe den Grenzen zur
Slowakei und der
Ukraine benannt. Das Wort „Tokaj“ ist wahrscheinlich hunnisch-türkischen Ursprungs und bedeutet soviel wie „Wald am Fluss“. Es wurde erstmals Ende des 11. Jahrhundert in einer Chronik erwähnt, wo der Übergang eines kumanischen Heeres über die Theiß bei „Thocoyd“ beschrieben wird. Ungarischen Weinbau größeren Umfangs begründete König Béla IV. (1235-1270), den ersten Aufschwung im Tokajer-Gebiet gab es im 13. und 14. Jahrhundert. Wann der allererste Tokajer Aszú in der heutigen Form produziert wurde, ist nicht mehr festzustellen, aber er zählt sicher zu den ersten Weinen, die aus edelfaulen Beeren gewonnen wurden.
Angeblich wurde schon im Jahre 1562 beim Konzil von Trient Papst Pius IV. (1499-1565) ein Tokaji Aszú überreicht, worauf er bemerkte:
„Summum pontificem talia vina decent!“ („Solcher Wein gehört auf den päpstlichen Tisch“ oder „Wein aus Tállya gehört auf den päpstlichen Tisch“ - denn das Wort „talia” kann „Tállya“ aber auch „solcher“ bedeuten). Bereits 1590 taucht der Begriff „Asszu szolo Bor“ (Wein aus Aszúbeeren) im posthum erschienenen Werk „Nomenclatura“ von Balázs Szikszai-Fabricius (+1576) auf. Und im Jahre 1635 werden in einer Bestandsaufnahme des Rákóczi-Kellers „7 Fass (Göncer) und 2 Àntalag (= kleines Fass) Aszúszölö-Bor“ (= Aszútrauben-Wein) erwähnt.
Zur „Erfindung“ des Tokajers gibt es viele Legenden, die bekannteste davon ist eine schöne Geschichte, die aber erst später als die oben beschrieben spielt. Zu den Gütern des ungarischen Fürsten György Rákóczi I. (1600-1660) gehörte das Weinbaugebiet von Tokaj-Hegyalja. Als im Jahre 1650 wieder einmal ein türkischer Überfall drohte, beschloss der zuständige Hofprediger Máté Szepsi-Laczkó mit der Weinlese zu warten, bis die Gefahr gebannt sei. Während des langen und sonnigen Herbstes begannen die Beeren zu schrumpfen, und es setzte die Edelfäule ein. Die Winzer wurden angewiesen, bei der Lese die Trauben des (heute noch bestehenden) Weinberges
Oremus gesondert von den anderen abzupressen. Zu Ostern des Jahres 1651 wurde dann der erste „Tokajer Ausbruch“ (so oder auch als
Trockenbeerenauslese wurde der Wein zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie bezeichnet) der Fürstin Zsuzsanna Lorántffy kredenzt. Die Ungarn ehren Szepsi-Laczkó auf jeden Fall heute noch als „Aszú-Erfinder“.
Ab dem 17. Jahrhundert spielte der Tokajer eine wichtige Rolle an allen europäischen Herrscher-Häusern. Königliche Liebhaber waren unter anderem die Herrscher Franz-Joseph I.,
Maria Theresia, Friedrich der Große, Victoria I. und Wilhelm II. Viele berühmte Schriftsteller, Dichter und Komponisten liebten und erwähnten den Tokajer in ihren Werken, das waren zum Beispiel: Ludwig van
Beethoven, Johann Wolfgang von
Goethe (Faust), Heinrich Heine (Buch der Lieder), Friedrich von
Schiller (Wallenstein), Franz
Schubert, Bram Stoker (Dracula), Johann Strauß Sohn (Fledermaus), Theodor Körner (in einem Weinlied), Nikolaus
Lenau (Mischka an der Theiß) und Voltaire (Gottesbeweis). Im Jahre 1733 wurde vom russischen Zarenhof in der Stadt Tokaj eine eigene Weinkaufs-Kommission eingerichtet. Die russische Zarin Elisabeth Petrowna Romanowa (1709-1762) orderte in einem Schreiben vom 8. November 1745 eine Lieferung von 375 Fässern, und setzte als Postskriptum hinzu:
„Und wenn auch nur eine Möglichkeit besteht, schicken Sie mit Boten wenigstens drei Antal (Fässer von ca. 75 Liter), die ich hier nirgends besorgen kann, wo ich doch ohne den Wein nicht sein kann, wie auch Sie wissen“.
Unter ihrer Nachfolgerin Katharina der Großen (1729-1796) gab eine spezielle Kosakenabteilung, deren Aufgabe es war, die Lieferungen zu ihrem Wohnsitz in St. Petersburg zu eskortieren. Der französische Sonnenkönig
Ludwig XIV. (1638-1715) verlieh ihm den Titel „Vinum Regnum - Rex Vinorum“, auf deutsch „Wein der Könige - König der Weine“ (das wird aber auch anderen Weinen zugeschreiben. Der Tokajer wurde auch des Öfteren als diplomatische Waffe eingesetzt. Als die Türken 1686 aus Budapest vertrieben wurden, wollte Fürst Ferenc Rákóczi II. (1676-1735) das nun befreite Ungarn als eigenständiges, nationales Königreich etablieren. Um sich mit Ludwig XIV. zu verbünden, sendete er diesem einen edlen Tokajer von seinen Gütern. Auch Kaiser Franz-Joseph I. (1830-1916) benutzte den Wein zu diplomatischen Zwecken, er begrüßte die englische Königin Victoria (1819-1901) jedes Jahr zu deren Geburtstag mit einer Sendung Aszú.
Anfang des 17. Jahrhunderts war die Familie Rákóczi in Ungarn der größte Land- und Weinbergsbesitzer. Weitere bedeutende Weingüter besaßen andere Adelsfamilien, Städte und der Orden der
Zisterzienser. Die Blütezeit des Tokajer Weinbaus bzw. Weinhandels war in der Glanzzeit der Herrscher-Familien Rákóczi und Bercsényi im 17. und 18. Jahrhundert. In diesem Zeitraum wurden die meisten der unzähligen Weinkeller (1967 sind allein in Tokaj 185 gezählt worden) in die dafür hervorragend geeigneten Lößböden gegraben, wofür es den eigenen Berufsstand des Kellergräbers gab. Ab dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts erfolgte ein Rückgang, einerseits durch kriegerische Ereignisse, wodurch die Weinberge unbearbeitet blieben oder vernichtet wurden, andererseits durch wirtschaftlich verordnete Maßnahmen, besonders in der Regierungszeit von
Maria Theresia (1717-1780). Es wurde ein Gesetz erlassen, dass nur soviel Ausfuhr an Tokajer Weinen gestattete, als an österreichischen Weinen eingeführt wurde. Das hinderte aber Maria-Theresia nicht, ein Tokajer-Fan zu sein und diesen auch regelmäßig zu verschenken. Im Jahre 1745 sendete die österreichische Herrscherin der russischen Zarin Elisabeth (1709-1762) 600 Flaschen davon. Auch Papst Benedikt XIV. (1675-1758) erhielt eine Sendung und dieser machte nach einer Kostprobe einen bemerkenswerten Ausspruch (siehe dazu unter
Zitate).
Auch die Weinfälschungen, die im 19. Jahrhundert in Ungarn und auch in vielen andren europäischen Ländern in großem Umfang erfolgten, trugen zu einem schlechten Ruf des Tokajers bei. In Weinbüchern gab es dazu sogar detaillierte Rezepte, zum Beispiel stand in einem Werk aus dem Jahre 1875: Man nehme 100 l Normalwein; 15 l Rosinen-Essenz; 0,5 l Bittermandel-Essenz; 0,1 l Holunderblüten-Essenz; 4 kg Zucker; 0,5 kg Karamel; 4 kg Glitzerin und 6 l 80-prozentigen Weingeist. Bei einem Weinhändler in Wien-Döbling konnte solcher Wein zum Spottpreis waggonweise bestellt werden.
Weinverfälschungen waren damals weithin üblich. Während der kommunistischen Regierungsperiode nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann einen totalen Niedergang der Tokajer-Kultur. Fast alle größeren Weingüter wurden verstaatlicht. Er wurde billig und als Massenwein erzeugt. Heute erlebt der Tokajer eine Wiedergeburt. Die im Jahre 1995 gegründete Vereinigung „Tokaj Renaissance“ widmet sich der Pflege und Kultur des Weines. Bekannte Produzenten sind Andrássy,
Árvay, Béres,
Bodrog-Várhegy,
Château Megyer,
Château Pajzos, Dereszla,
Disznókö, Dobogó,
Gróf Degenfeld, Hétszőlő, Monyók,
Oremus, Pannon Tokaj, Patrícius, Royal Tokaj,
Szepsy István, Tokaj Classic Winery und Tokaj Kereskedőház.
Die definierten Grenzen des Tokajer-Gebietes haben sich im Verlaufe der Jahrhunderte einige Male geändert. Die älteste dokumentarisch belegte Abgrenzung stammt aus dem Jahre 1641, damals zählten 12 Gemeinden zum engeren Tokajer-Gebiet. Die heutige Weinbauregion Tokaj-Hegyalja (Hegyalja = am Fuße des Berges gelegen oder kurz Unterberg) wurde durch das ungarische Weingesetz im Jahre 1997 bestimmt. Das einem Dreieck ähnliche Gebiet mit etwa 60 Kilometer Länge und etwa 30 Kilometer Breite liegt im Nordosten Ungarns an der Grenze zur Slowakei und zur Ukraine und umfasst die vier Städte Sárospatak, Sátoraljaújhely, Szerencs und Tokaj, sowie 24 kleinere Gemeinden.
Aber es gibt auch einen tokajerähnlichen Wein außerhalb von Ungarn. Eine Besonderheit stellt ein kleines Gebiet in der
Slowakei dar, das direkt an Tokaj-Hegyalja angrenzt. Hier wird in den drei Orten Kistoronya, Szõlõske und dem slowakischen Teil von Sátoraljaújhely ein Wein nach Tokajer-Art erzeugt. Die Slowakei berief sich dabei auf das Weingesetz 1908, als dieser Bereich noch zu Ungarn gehörte. Nach jahrelangen Streitigkeiten einigten sich Anfang 2003 die zwei Länder, dass die innerhalb des rund 200 Hektar großen Gebietes erzeugten Weine die slowakische Herkunfts-Bezeichnung „Tokajský“ tragen dürfen. Das Tokajer-Gebiet wurde übrigens 2002 von der UNESCO zum
Weltkulturerbe ernannt.
Die namensgebende Stadt Tokaj liegt am Zusammenfluss von Tisza und Bodrog nahe des Kopaszhegy (Kahlberg mit 512 m). Das Gebiet wird von den drei Flüssen Hernád, Bodrog und Tisza (Theiß) begrenzt. Diese beeinflussen das spezifisch feuchte, dem französischen
Sauternes ähnliche Klima, das die für die Edelfäule erforderliche
Botrytis (ung. Nemes Penész) fördert. Das Klima ist extrem, auf einen kühlen und trockenen Frühling folgt ein heißer Sommer und dann ein anfangs nasser, später trockener und lange sonniger Herbst. Die Weinberge umfassen rund 6.000 Hektar Rebfläche. Nur die Weine aus den zugelassenen Sorten
Furmint mit 60% der Fläche,
Hárslevelü mit 25%, Muscat Lunel (Muskateller) mit 7%,
Kabar,
Kövérszölö und
Zéta (Oremusz) dürfen „Tokaji“ im Etikett führen. Weine aus anderen Sorten wie etwa Chardonnay dürfen lediglich die Ursprungs-Bezeichnung „Zempléni“ (nach dem Zempliner Gebirge) tragen. Die besten Lagen befinden sich in Bodrogkeresztúr, Mád, Mezözombor, Tallya, Tarcal, Tokaj und Tolcsva.
Die speziellen Weine werden nach Weingut, Buttenanzahl (Puttonyos) und Lage benannt. Will man die Herkunft betonen, dann spricht man z. B. von einem Mádi Aszú (Aszú aus Mád). Die erste, überlieferte Weinbauordnung stammt aus dem Jahre 1641, wo in der Gemeinde Mád eine aus 48 Punkten bestehende Verordnung existierte. Unter Fürst Ferenc Rákóczi II. (1676-1735) wurde im Jahre 1700 eine ausführliche Weinbauordnung herausgegeben. Damals war die Aszú-Herstellung wahrscheinlich einfacher als heute. In einer Schrift aus dem Jahre 1758 heisst es:
„Nachdem die ausgetretenen Aszú-Beeren mit Most aufgegossen wurden, rührt man sie gut zusammen und deckt den Bottich nicht zu fest zu. Nach drei bis vier Tagen Gärung, wenn sich der süße Saft der Beeren in dem Most aufgelöst hat, wird die Masse von Hand ausgepresst und der Wein gären gelassen.“
Im Jahre 1904 erfolgte die Veröffentlichung von „außergewöhnlichen Maßregeln für das Tokajer Weingebiet“, in der unter anderem eine geographische Abgrenzung mit insgeamt 33 Ortschaften, die zwingende Vorgabe für die Verwendung von Eichenfässern sowie das absolute Verbot der Vermischung von Tokajer Weinen mit Weinen aus anderen Gebieten enthalten war. Weiters durften nur solche Weine als Tokajer bezeichnet werden, deren Reben aus „bergigen Rebflächen“ stammten. Das neueste ungarische Weingesetz stammt aus dem Jahre 1997, in dem Tokaj-Hegyalja als einziges „geschlossenes“ Weinb augebiet Ungarns deklariert ist. Dies bedeutet innerhalb dieses Gebietes einen besonderen Schutz und spezielle Vorgaben bezüglich Weinbereitung, Behandlung und Vertrieb des Tokajers.
Die Weine aus dem Gebiet Tokaj-Hegyalja sind in drei Kategorien eingeteilt:
Qualitätsweine (Minöségi borok) mit zum Beispiel den Sortenweinen Tokaji Furmint, Tokaji Hárslevelü, Tokaji Muskotály und Tokaji Zéta (Tokaji Oremusz). Der maximale Hektar-Ertrag ist 100 Hektoliter per Hektar, das Mindest-Mostgewicht ist 15 Gewichtsprozent. Es folgen
Weine besonderer Qualität (Különleges minöségü borok) mit denselben Weinen, jedoch höheren Qualitäts-Bestimmungen. Der maximale Hektar-Ertrag ist 75 Hektoliter per Hektar, das Mindest-Mostgewicht muss 19 °KMW bzw. 95 °Oechsle betragen. Diese Weine werden aus gereiften oder überreifen Trauben hergestellt. Die höchste Klasse sind
Weinspezialitäten (Borkülönlegességek) mit den Varianten Tokaji Máslás, Tokaji Forditás, Tokaji Szamorodni, Tokaji Aszú, Tokaji Aszú-Eszencia und Tokaji Eszencia (Nektár). Diese Weine werden aus Furmint und Hárslevelü sowie Muskotály (im Aszú selten) verschnitten.
Máslás: Dieser einfachste aller Tokajer-Weine ist schon seit Mitte des 16. Jahrhunderts bekannt. Der Name leitet sich vom polnischen Wort „Mászló“ (Butter) ab, weil der Wein einen buttrigen Geschmack besitzt (nach Polen wurden schon ab dem 16. Jahrhundert große Mengen Tokajer-Weine exportiert). Ein Máslás ist immer noch qualitativ um einiges besser als ein zu dieser Zeit häufig produzierter einfacher
Tresterwein. Auf den Trester-Bodensatz von Aszú- oder Szamorodni-Weinen wird Most oder Jungwein aufgegossen und die alkoholische Gärung eingeleitet. Er muss zwei Jahre reifen, davon ein Jahr im Holzfass. Zumeist wird er gar nicht in Flaschen abgefüllt, sondern in großen Gebinden vermarktet.
Forditás (dt. Wendung): Dieser Wein wurde erstmals im 19. Jahrhundert erwähnt. Auf den ausgepressten Aszú-Teig (Traubenbrei) wird Most oder Jungwein aus dem gleichen Jahrgang aufgegossen. Er muss zwei Jahre reifen, davon ein Jahr im Holzfass. Zum Teil wird der Wein auch für den Aszú verwendet. Gute Qualitäten sind bis 15 Jahre haltbar.
Föbor (dt. Hauptwein): Diese sehr alte Wein-Kategorie wurde wieder reaktiviert. Es handelt sich sozusagen um einen Szamorodni ohne dessen obligatorische Reifezeit.
Szamorodni: Der erstmals 1828 erwähnte Name bedeutet (auf polnisch) „wie gewachsen”. Dies bezieht sich darauf, dass keine Aszú-Beeren ausgelesen, sondern alle Beeren zusammen ohne Auslese verarbeitet werden. Eine Mindestmenge an edelfaulen Beeren muss vorhanden sein, von der Menge hängt auch die Qualität ab. Der Wein bleibt 24 bis 36 Stunden auf der Maische und wird erst dann gepresst. Er muss zwei Jahre reifen, davon ein Jahr im Holzfass. Es gibt süß (édes) und trocken (száraz) ausgebaute Varianten. Der süße Szamorodni muss zumindest. 30 g/l Restzucker, 25 g/l zuckerfreie Extrakte und 13% vol Alkoholgehalt aufweisen - der trockene lediglich 25 g/l Extrakte und 13% vol. Der trockene ähnelt einem
Sherry, der süße einem
Ausbruch. Bei den süßen Varianten vergärt der vorhandene Restzucker sehr langsam zu Alkohol, deshalb werden oft nach einigen Jahren daraus trockene Typen. Die Weine sind bis zwei Jahrzehnte haltbar.
Tokaji Aszú (slowakisch Tokajský Výber): Bezeichnung für den berühmten, edelsüßen Tokajer-Wein. Der Begriff leitet sich von aszalt (gedörrt oder getrocknet) ab und bezieht sich auf die
botrytisierten Beeren, die für die Produktion verwendet werden bzw. in diesem Zustand vorgeschrieben sind. Im Prinzip entspricht Aszú auf den Wein bezogen dem deutschen Begriff
Trockenbeerenauslese oder (nur im österreichischen Burgenland gebräuchlich)
Ausbruch. Der Tokajer Aszú wird also ausschließlich aus überreifen, von
Botrytis befallenen Beeren hergestellt, die händisch einzeln ausgelesen bzw. selektiert werden. Die Beeren werden in Holzbottichen und neuerdings auch in Kunststoff-Behältern aufbewahrt. Durch das Eigengewicht fließt unten die Escenzia ab (siehe weiter unten).
Wenn diese abgezogen ist, werden die Trauben zu einem teigartigen Brei gestampft (teilweise heute noch mit den Füßen), wobei die Traubenkerne nicht zerquetscht werden dürfen. Dann wird auf dem abgemessenen Gewicht von drei bis sechs Puttonyos (Butten zwischen 24 und 28 kg) auf diesen Brei 136 Liter (Volumen eines Göncer Fasses) Jungwein des gleichen Jahrganges aufgegossen. Einige Weingüter rechnen in Hektoliter und je Butte mit 20 Kilogramm Aszú-Brei. Bei einem Aszú mit sechs Puttonyos ist das Aszú-Neuwein-Verhältnis etwa 1:1. Dann wird das Gemisch 18 bis 48 Stunden unter gelegentlichem Umrühren weichen gelassen. Dadurch wird der Zucker aus den Trauben ausgelöst.
Die oben schwimmenden Traubenkerne werden entfernt. Dann wird gepresst und der Most in Holzfässer für die
Gärung abgefüllt. Heute wird vorwiegend das Szerednyeer Fass (200 bis 220 Liter) und neuerdings auch Barriques (225 Liter) verwendet - das historische
Göncer Fass (Gönci hordó) mit 136 bis 145 Liter Volumen ist kaum mehr zu finden. Es wird kaum oder nur sehr wenig Schwefel verwendet, um das Bilden von
Acetaldehyden zu vermeiden. In den kühlen Kellern mit hoher Luftfeuchtigkeit bis 98% erfolgt eine sehr langsame Gärung. Traditionell erfolgt dies oxidativ - das heißt unter gewissem Kontakt mit Sauerstoff, indem man die Fässer nie voll auffüllt. Dadurch erhält der Wein den einmaligen und traditionellen Charakter - ein wenig ähnlich einem
Madeira oder
Sherry.
Neuerdings wird aber auch mit reduktivem Ausbau experimentiert. Die anschließende Reifung erfolgt wieder in den schon erwähnten Fasstypen. Der in geringen Mengen durch die Holzwände verdampfende Alkohol darf mit Tokajer Weinbrand aufgefüllt werden (etwa 0,5 bis 1% Alkohol pro Jahr) - worunter jedoch kein
Spriten zu verstehen ist. Früher ließ man den Tokajer so viele Jahre reifen, als er Butten enthielt, heute schreibt das Weingesetz zumindest drei Jahre, davon zwei Jahre im Holzfass vor. Erst dann wird der Wein in Flaschen abgefüllt. Die besten Tokajer halten sich sehr lange, uralte Flaschen stehen unter einer dicken Schimmelschicht, die Korken werden alle 25 Jahre erneuert. Es sind schon 300-jährige Tokajer in bester Verfassung vorgefunden und genossen worden.
Aszú-Eszencia: Diese jüngste Qualitätsstufe des Tokajer wurde erst im 20. Jahrhundert geschaffen. Die Sinnhaftigkeit wird zum Teil bestritten, auch der Name führt dazu, dass der Wein oft mit der Escenzia verwechselt wird. Man wollte damit zwischen dem 6-buttigen Aszú und der Höchststufe Escenzia eine zusätzliche Stufe einbauen. Im ungarischen Weingesetz von 1977 wird er als „herausragender Aszúwein aus erstklassiger Lage und ausgezeichnetem Jahrgang“ definiert. Da es aber (noh) keine klassifizierten Lagen in Ungarn gibt, war die Definition etwas ungenau – im neuesten Weingesetz 1997 ist dies nicht mehr erwähnt. Es gelten zumindest die gleichen Bedingungen wie bei Aszú. Die botrytisierten Beeren müssen einen Zuckergehalt von zumindest 180 g/l aufweisen. Die zerquetschten Beeren müssen mit Most oder Neuwein des gleichen Jahrganges aufgegossen und zur Gärung gebracht werden. Der Wein muss fünf Jahre (davon drei im Holzfass) reifen. Auf dem Etikett wird die Anzahl der Puttonyos nicht angeführt.
Eszencia: Diese Spezialität wird auch als Nektár bezeichnet und wurde dokumentarisch erstmals im Jahre 1707 erwähnt. Im 19. Jahrhundert wurde er in der deutschsprachigen Literatur als „Tokayer Ausbruch Essenz“ bezeichnet. In alten Zeiten wurde die Eszencia gar nicht als Wein betrachtet, sondern eher als Arznei. Zumeist gab man die Eszencia dem Aszú auch „wieder zurück“ (machte man dies nicht, sprach man von einem „kastrierten Aszú“). Dies wird auch heute von den meisten Weingütern so praktiziert. Im 17. Jahrhundert war sogar zeitweise die Abfüllung in Flaschen und der Verkauf gesetzlich verboten. Die ausschließlich edelfaulen Beeren werden einzeln mit Hand gepflückt und in Holzbottichen gesammelt. Durch das Eigengewicht fließt unten die sirupartige Escenzia ab. Die Gärung dauert durch den extrem hohen Zuckergehalt von 60% bis sogar 80% oft 10, 15 und sogar 20 Jahre. Der dunkelfarbige Wein besitzt eine honigartige Konsistenz und hat nur einen geringen Alkoholgehalt von zumindest 5 vorgeschriebenen bis maximal 8 Prozent. Diese kostbare Rarität wird oft nur glasweise in den Weingütern ausgeschenkt.
Die Szamorodnis und Aszús werden traditionellerweise in weiße, langhalsige Flaschen (mit Einbuchtung im Boden) mit 0,5 Liter Volumen gefüllt, jedoch es gibt zahlreiche andere Flaschenformen und auch Volumina, weil das ungarische Weingesetz (zu) viel Spielraum lässt. In alten Zeiten wurden auch ein- bis fünf-buttige Tokajer Aszú produziert, später reduzierte man auf zwei- bis fünf-buttige. Um das Jahr 1790 wurde dann der sechs-buttige Aszú kreiert und dafür der zwei-buttige weggelassen, weil gute Szamorodnis von der Qualität her diesem sehr nahe kamen. Die zwei-buttigen wurden noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts produziert. Das Weingesetz aus dem Jahre 1997 sieht nur mehr drei- bis sechs-buttige vor. Die Anzahl der Puttonyos ist nur beim Aszú auf dem Flaschen-Etikett enthalten. Die Qualitätsstufen mit dem weingesetzlich vorgeschriebenen Mindest-Gehalt an Zucker (1) und zuckerfreiem Extrakt (2) in Gramm per Liter sind:
* 2 Puttonyos Aszú: wird nicht mehr erzeugt
* 3 Puttonyos Aszú: 60 - 30
* 4 Puttonyos Aszú: 90 - 35
* 5 Puttonyos Aszú: 120 - 40
* 6 Puttonyos Aszú: 150 - 45
* Aszú-Eszencia: 180 - 50
* Eszencia: 450 (früher 250) - 50
Ungarn hat sich lange Zeit bemüht, den Namen Tokajer gesetzlich schützen zu lassen. Unter der Bezeichnung Tokajer (oder ähnlich) werden aber nach wie vor auf der ganzen Welt Rebsorten angebaut und Weine produziert, was zur Verwirrung führen kann. In der italienischen Region Friaul-Julisch-Venetien gibt es die weiße Rebsorte
Tocai Friulano und im französischen Elsass einen
Tokay d’Alsace als Synonym für Pinot Gris (Grauburgunder). Tokay ist auch in anderen Gebieten Frankreichs und in Australien ein Synonym für die Rebsorte
Muscadelle. All diese Bezeichnungen müssen nach Entscheidung der EU ab 2007 geändert werden, da Tokajer nur für das ungarische Original verwendet werden darf.
Auf dem Etikett von Tokajer-Flaschen eines Produzenten ist folgender Spruch zu finden: Aki e üvegböliszik annak kivantatik, hogy a Borok Kiralyanak aranyfenye emlekeztesse a hegyaljai tajra, ahol immar ezredik eve ragyog a szölöt ökere a Nap! Kivantatik, hogy a Kiralyok Boranak, legendas gyogyhatasa kedves egeszsegere valjek). Auf deutsch bedeutet das:
„Wer aus dieser Flasche trinkt, dem sei gewünscht, dass ihn der goldene Glanz des Königs der Weine an die Landschaft Hegyalja erinnern möge, wo seit nunmehr tausend Jahren die Sonne auf die Reben strahlt. Möge sich die legendäre Heilwirkung des Weines der Könige auf seine Gesundheit übertragen“. In diesem Sinne
PROST.
Hauptquelle: Das Tokajer-Buch - Michael Sailer (Michael Sailer-Verlag München)