Nach der gleichnamigen Insel benannter DOC-Bereich für einen der berühmtesten und langlebigsten Dessertweine der Welt. Von der zu
Portugal gehörenden Inselgruppe sind nur die Hauptinsel Madeira mit der Hauptstadt Funchal (741 km²) und Porto Santo (45 km²) bewohnt. Sie liegt im Atlantik, etwa tausend Kilometer vom portugiesischen Festland und 650 Kilometer von der marokkanischen Küste Afrikas entfernt. Entdeckt wurde sie vom portugiesischen Seefahrer João Goncalves im Jahre 1420, der ein dicht bewaldetes Eiland vorfand (Madeira bedeutet „Insel des Waldes“). Die Portugiesen steckten die Insel in Brand, angeblich wüteten die Brände sieben Jahre lang. Dadurch wurde zwar fast die gesamte Vegetation vernichtet, aber die Holzasche und der schon vorhandene vulkanische Boden schufen für den Weinbau geradezu ideale Bedingungen. Ende des 16. Jahrhunderts ist ein kommerziell bedeutender Weinbau dokumentiert. Der Hafen in Funchal entwickelte sich rasch zu einer strategisch bedeutenden Zwischenstation, die alle Schiffe auf dem Weg nach Afrika, Asien und Südamerika ansteuerten. Hier versorgten sich die Schiffe auch mit Weinen. Diese waren jedoch zumeist unstabil und verdarben auf den langen Seereisen.
Deshalb setzte sich nach und nach das
Spriten mit aus Zuckerrohr destilliertem Weinbrand durch, um diese haltbarer zu machen (wurde aber erst Mitte des 18. Jahrhunderts zur Norm). Ab wann genau es einen Madeira heutiger Art gegeben hat, ist nicht gesichert, aber eine Legende berichtet bereits von einem solchem aus 1478. In diesem Jahr wurde Georg Herzog von Clarence (1449-1478), der Bruder des englischen Königs Edward IV. (1442-1483), wegen konspirativer Tätigkeit zum Tod verurteilt. Man überließ ihm die Wahl der Hinrichtung und er entschied sich angeblich für den Tod durch Ertränken in einem mit
Malmsey gefüllten Fass. Möglicherweise bezieht sich aber das „Ertränken“ darauf, dass er zeitlebens ein schwerer Trinker war. Er wurde jedenfalls nicht mit der für Adelige üblichen Hinrichtungsart Enthaupten getötet, das beweist eine spätere Exhumierung.
Die besondere Art der Herstellung, die bezüglich des typischen Geschmackes und der Farbe auch als
Maderisierung bezeichnet wird, hat sich im 17. Jahrhundert mehr oder weniger zufällig ergeben, als große Mengen von Funchal aus per Schiff besonders von den
Niederländern nach Amerika und in alle anderen europäischen Kolonien exportiert wurden. Man stellte fest, dass der Wein umso besser wurde, je länger die Reise dauerte und je länger sich das Schiff in heißem, tropischem Klima aufhielt. Die hohen Temperaturen und die schaukelnde Schiffs-Bewegung trugen zum typischen Madeira-Geschmack bei. Deshalb belud man nun viele Schiffe mit dem Wein und schickte sie nur zum Zweck der Madeira-Fertigung nach Ostindien und zurück (die Weine überquerten somit zweimal den Äquator). Diese praktizierte Vorgangsweise nannte man
Torna Viagem (Rundreise) und ist auch auf alten Madeiraflaschen auf dem Etikett dokumentiert (Kurzbezeichnung TVE). Ein auf solche Weise gereifter Madeira wurde auch als „Vinho da roda“ bezeichnet (roda = Umlauf).
Der ursprüngliche Impuls für den Handel in Madeira wurde im späten 17. Jahrhundert gelegt, als in großen Mengen Wein für die neuen portugiesischen Kolonien bzw. Siedlungen in Südamerika (Brasilien) benötigt wurde. Durch die Kolonialisierung Amerikas im 17. Jahrhundert unter Herrschaft des englischen Königs Charles II. (1630-1685) kam der Madeira auch an der nordamerikanischen Ostküste in Mode. Er genoss dort einen großen Ruf und wurde zu einem begehrten und teuren Objekt. Die amerikanische Unabhängigkeits-Erklärung im Jahre 1776 wurde mit einem Madeira feierlich besiegelt. Der erste US-Präsident George Washington (1732-1799) genoss täglich zum Abendessen einen Madeira. Und die Gründung der nach ihm benannten Hauptstadt Washington D.C. wurde ebenfalls mit einem Madeira gefeiert. Im 19. Jahrhundert war dieser Wein in den
USA so populär, dass eigene Veranstaltungen (Madeira Partys) abgehalten und Vereine gegründet wurden (legendär ist der heute noch bestehende Madeira Club von Savannah-Ohio).
Die sehr aufwändige Herstellungs-Art mittels Schiffsreise wurde noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts praktiziert, aber dann aufgegeben (einzelne Flaschen gibt es noch im Handel). Man versuchte nun, die speziellen Bedingungen nachzuahmen. Es wurden Weinlager (port. Estufa = Ofen, engl. Hothouse) gebaut, diese mit die Sonnenwärme speichernden Blechdächern versehen und der Wein monatelang bei hohen Temperaturen gelagert. Dies war der Beginn des heute beim Madeira üblichen Estufagem-Verfahrens. In den 1860er-Jahren erreichten der
Mehltau und die
Reblaus die Insel und legten den Weinbau lahm. In den 1870er-Jahren wurden viele Rebflächen durch Zuckerrohr ersetzt, nur knapp 500 Hektar blieben bestehen. Zehn Jahre später wagte man einen Neubeginn mit amerikanischen und französischen
Hybriden (besonders
Cunningham und
Jaquet), die man unveredelt anbaute. Für den Madeira wurden diese aber schon 1979 verboten.
Die Produktionsbedingungen werden vom „Instituto do Vinho da Madeira“ festgelegt bzw. überwacht, das auch ein Museum betreibt. Die traditionellen vier edlen Rebsorten, aus denen heute die besten und teuersten Weine reinsortig (zumindest 85%) produziert werden, sind
Boal (Bual),
Malvasia Bianca (Malmsey),
Sercial und
Verdelho. Nur mehr in ganz kleinen Mengen gibt es die hochgeschätzte und schon legendäre Sorte
Terrantez. Diese fünf Sorten scheinen auch auf dem Etikett auf und sind gleichzeitig die Benennung der verschiedenen Madeira-Stile (siehe dann weiter unten). In den Weinbergen mit rund 2.100 Hektar Rebfläche, die von rund 4.000 Weinbauern bewirtschaftet werden, dominiert aber mit 80% die Tinta Negra Mole, die zur Erzeugung billigerer und einfacherer Madeiras verwendet wird. Diese Weine machen rund 40% der Produktions-Menge aus. Diese Rebsorte darf aber seit dem Jahre 1993 nicht mehr auf dem Flaschen-Etikett angeführt werden, diese Madeiras werden nur mit dem Süßigkeits-Grad bezeichnet (seco, meio seco, meio doce und doce - ergänzt durch pale=hell und dark=dunkel). Die Reben werden traditionell auf sehr niedrigen Pergolen auf Terrassen gezogen, sodass die Weinlese sehr mühsam gebückt oder kniend erfolgen muss. Die Trauben werden dann zermahlen.
Die Gärung erfolgt in 25.000-Liter-Behältern aus Holz oder beschichtetem Beton, bei Malvasia und Boal zumeist mittels
Maischegärung, bei Sercial und Verdelho wird der Most vorher von den Schalen getrennt. Weine aus Sercial und Verdelho werden zumeist trocken ausgegoren. Bei Weinen aus Malvasia erfolgt schon frühzeitig und bei jenen aus Boal nach Hälfte der Gärung ein Abstoppen durch hochprozentigen Aguardente (Branntwein). Estufagem ist jene Herstellungs-Technik, die fast ausschließlich beim Madeira angewendet wird und diesen unverwechselbar macht. Das ist die Erhitzung des Weines, der er früher auf den Schiffsreisen über den Äquator in natürlicher Form ausgesetzt war. Für die Massen-Produktion werden riesige, gekachelte Betontanks mit 20.000 bis 50.000 Liter Volumen verwendet. Durch diese verläuft eine von heißem Wasser durchströmte Heizschlange aus Edelstahl, die den Wein mindestens drei bis sechs Monate lang auf 40 bis 50 °C erwärmt.
Bei der zweiten, viel aufwändigeren aber schonenderen Art wird der Wein in die typischen 600-Liter-Fässer (Lodge Pipes) gefüllt und in beheizten Räumen bei etwas niedrigeren Temperaturen gelagert. In diesem Fall sind es zumeist sechs bis zwölf Monate. Manche Produzenten lehnen es aber ab, den Wein künstlich zu erwärmen. Sie lagern die Fässer unter den Dächern der Lodges in den
Canteiros (Lagergestelle für die Fässer), wo sie auf natürliche Weise durch die Sonne erhitzt lagern, in der Nacht wieder abgekühlt werden und dadurch gegenüber den anderen Varianten extremen Temperatur-Schwankungen ausgesetzt sind. Die auf diese traditionelle Weise auf der Insel (und nicht mittels langer Schiffsreise) gereiften Weine wurden früher auch als als „Vinho canteiro“ bezeichnet. In allen Fällen wird durch das Erwärmen der enthaltene Zucker teilweise
karamellisiert. Der Wein bekommt den typischen Geschmack und durch starke
Oxidation den Maderisierungs-Ton. Nach dem Estufagem (der Erwärmung) muss der Wein vorsichtig abgekühlt werden. Das Alter der Weine wird ab dem Ende der Estufagem-Phase berechnet.
Obligatorisch ist das
Spriten, je nach der oben beschriebenen Form der Gärung werden manche Weine zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal gespritet, bei süß ausgebauten kann dies schon zum zweiten oder dritten Mal sein. Dadurch wird ein Alkoholgehalt von rund 17% vol erreicht. Bei den süß ausgebauten Madeiras gibt es zwei Varianten der Süßung. Bei den besseren Weinen erfolgt dies durch die erwähnte Gärungs-Unterbrechung, bei den billigeren wird verdickter Süßmost (Vinho Surdo) nach der Gärung zugesetzt und diese auch farblich durch Zusatz von
Karamell korrigiert. Nach dem
Schönen oder einer
Filtration ruht der Wein 12 bis 18 Monate und wird dann qualitätsmäßig eingestuft. Nach dem
Abstich in Holzfässer erfolgt die weitere Reifung. Ab Estufagem sind dies zumindest drei Jahre (das sind die einfachen aus Tinta Negra Mole), diese werden mit „Finest“ oder „3-Year-Old Madeira“ bezeichnet. Das Mindestalter für Weine aus den edlen Sorten ist fünf Jahre, das sind die „Reserve“ oder „5-Year-Old Madeira“. Ab „Special Reserve“ oder „10-Year-Old Madeira“ beginnen die „guten“ Weine. Die nächste Alterungs-Stufe ist „Extra Reserve“ oder „Over 15-Years-Old Madeira“. Die Spitzen-Produkte sind die „Vintage Madeira“, die zumindest 20, aber auch 30, 40 oder 50 Jahre lang reifen. Vor der Vermarktung lagert ein Vintage-Madeira zusätzlich noch zwei Jahre in der Flasche.
Bei allen Varianten ist ein Madeira sofort trinkfertig und genießbar, wenn er in den Verkauf kommt. Madeira entwickelt (zum Beispiel gegenüber
Portwein) viel weniger
Depot, ein
Dekantieren muss (wenn überhaupt) nur bei sehr alten Weinen erfolgen. Er gilt als der langlebigste Wein der Welt, der mit weiterer Alterung immer noch besser wird. Auf dem Markt werden heute noch (fast unbezahlbare) Jahrgänge vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts angeboten, die keinerlei Genuss-Beeinträchtigung aufweisen. Auch eine geöffnete Flasche ist fast unbegrenzt haltbar. Von den verschiedenen Madeira-Stilen werden in Folge auch jene angeführt, die nicht mehr erzeugt werden, da auf Grund der langen
Haltbarkeit immer noch welche von vielen Produzenten zu erwerben sind:
Solera: Mehr eine Qualitäts-Stufe als ein Weinstil. Das erst seit dem 19. Jahrhundert auf Madeira eingeführte System (wie beim
Sherry) wird aber kaum mehr angewendet.
Rainwater: Über die Namens-Entstehung dieses zumindest geschichtlich interessanten Typs gibt es mehrere Varianten. Eine besagt, dass der Wein aus Reben gekeltert wurde, wo keine künstliche
Bewässerung möglich und damit eine Abhängigkeit vom Regenwasser gegeben war. Die zweite Variante berichtet, dass im 18. Jahrhundert auf dem Seeweg nach Amerika mehrere Madeira-Fässer längere Zeit dem Regen ausgesetzt waren, das Wasser durch das Holz aufgesogen wurde und in den Wein gelangte. Als absichtlicher „Erfinder“ wird aber auch ein Amerikaner namens Habisham genannt. In den USA fand man jedenfalls Gefallen an diesem halbtrockenen, leichten Wein, der zum Exportschlager avancierte. Der Typus wurde 200 Jahre lang erzeugt, zum Beispiel von der bekannten Firma
Cossart Gordon. Heute wird er nur mehr in kleinen Mengen, zumeist aus der Tinta Negra Mole produziert. Man kann diesen Madeira-Typ auch als milderen und leichteren Verdelho bezeichnen. Die Herstellungs-Methode ist aber nur sehr vage definiert.
Bastardo,
Moscatel und
Terrantez: Diese drei Weine aus den gleichnamigen Rebsorten werden, wenn überhaupt, nur mehr in kleinsten Mengen erzeugt und spielen (bei neueren Produkten) kaum eine Rolle. Ein Moscatel-Madeira wurde zum letzten Mal im Jahre 1900 produziert. Ältere Jahrgänge von Terrantez erzielen bei
Auktionen regelmäßig Phantasie-Preise, legendär sind die Jahrgänge 1789 und besonders der von Barbeito produzierte 1795. Es gibt Bestrebungen, die Terrantez bzw. diesen Madeira-Stil wiederzubeleben.
Sercial: Der trockenste und in der Jugend säuerliche und adstringierende Stil mit einer blassen Farbe. Die gleichnamige Rebsorte wird meist in den kühleren Höhenlagen und auf der Nordseite der Insel angebaut und reift deshalb selten aus. Nach zumindest zehnjähriger Alterung entwickelt sich ein mandelähnliches Aroma. Der Restzucker-Gehalt darf 18 bis 65 g/l betragen, der Wein erscheint aber auch mit 40 g/l noch trocken.
Verdelho: Der halbtrocken bis halbsüß ausgebaute Weinstil hat einen zartbitteren, nussartigen Geschmack. Die gleichnamige Sorte (rote und weiße Varietäten) wird ebenfalls auf der Nordseite der Insel angebaut, kommt aber zur besseren Reife wie die Sercial. Auch im Alter bleibt eine pikante Säure erhalten, die goldgelbe Farbe entwickelt sich dabei von goldgelb zu einem dunkleren Ton. Der Restzucker-Gehalt darf 49 bis 78 g/l betragen.
Bual (Boal): Dieser Weinstil ist deutlich dunkler und süßer wie Sercial oder Verdelho. Die Sorte wird vor allem auf der wärmeren Südseite der Insel angebaut. Der Wein hat eine goldfarbene Farbe und ein charakteristisches Rosinen- und Trockenfrüchte-Aroma mit einer auch im Alter frischen Säure. Der Restzucker-Gehalt darf 78 bis 96 g/l betragen.
Malmsey (Malvasia): Der süßeste und komplexeste Madeira-Stil, der von vielen als der beste bezeichnet wird. Die roten und weißen Varietäten der Malvasia-Traube wachsen in den niedrigsten und wärmsten Bereichen der Insel (besonders um Câmara de Lobos). Der üppigsüße Wein mit einem Honig-, Kaffee- und Karamell-Aroma schmeckt auf Grund einer prägnanten und ausgleichenden Säure trotzdem nicht klebrig. Dieser Wein ist hundert Jahre und länger haltbar. Der Restzucker-Gehalt darf 96 bis 135 g/l betragen.
Bekannte Handelshäuser bzw. Madeiramarken sind Barros Almeida & Co, Artur de Barros e Sousa, Barbeito,
Blandy, H. M. Borges, Broadbent Selections, Companhia Vinicola da Madeira (CVM),
Cossart Gordon, Duke of Clarence, Funchal Wine,
Justino Henriques,
Henriques & Henriques, Leacock, Miles (Rutherford & Miles), Pereira d’Oliveira Vinhos (AO-SM = Anibal d’Oliveira, Sao Martinho), Power Drury,
Sandeman und Silva Vinhos. Einige Marken werden heute nicht mehr erzeugt, es sind aber vom langlebigen Madeira oft sehr alte Jahrgänge auf dem Markt. Die
Madeira Wine Company (zu der einige der angeführten Marken gehören) ist mehrheitlich in Besitz von
Blandy und des Portweinhauses
Symington.