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Datum: 2010-03-14 11:16:28
Absender: Dominik Ziller

Betreff: RE: Louis Roederer Cristal 1962 - 1995


"...Ich musste mich
zurückhalten, nicht am Ende ein paar Dollarnoten in die
Flaschenöffnung zu stopfen..."

Wunderbar geschrieben, was ein Lesegenuss!
By the way: Den 1990er in Topform rechne ich zum Allerbesten, was mir je die Papillen gewärmt hat!
Grüße
Dominik


> Date: Fri, 12 Mar 2010 15:23:37 +0100
> From: post@sparkling-online.com
> To: dominik.ziller@hotmail.de
> Subject: [weinforum] Louis Roederer Cristal 1962 - 1995
>
>
> Vom Cristal, zu dem ich etwas gespalten stehe, habe ich keineswegs
> alle herausgegebenen Jahrgänge trinken können. Manche Flaschen waren
> nicht im besten Zustand, andere erstaunten michaus den verschiedensten
> Gründen sehr. Nicht alle der hier besprochenen Jahrgänge habe ich in
> einer Vertikale probiert und vor allem die älteren Exemplare meist
> nur bei einer Gelegenheit. Die Jahrgänge 88 bis 97 kenne ich am
> besten, da ich sie am häufigsten probieren konnte, aber von einer
> tiefgehenden Kennerschaft fühle ich mich bei dieser Cuvée noch weit
> entfernt.
>
> I. 1962
>
> Die Flasche hatte ihr gelbes Cellophan schon vor einigen Jahren
> verloren, das Etikett war berieben und angeschmutzt. Der Cristal
> zeigte eine alterstypische dunkle Goldfärbung. Beim Öffnen ein
> Hauch, als schwebe ein Geist durch den Raum. Massive Sherry-Pilznase
> und kaltes Toastbrot. Im Grunde schon sehr appetitanregend, im Mund
> aber flach und säuerlich. Leider kein besonderes Vergnügen.
>
> II. 1966
>
> Der 66er war sogar noch etwas dunkler als der 62er, auch diese
> Flasche hatte die gelbe Hülle längst andernorts gelassen. Das
> Etikett ebenfalls mit Lagerspuren. Der Korken sass erstaunlich fest,
> auch etwas Druck war noch auf der Flasche. Wobei einmal heftig
> einatmen wahrscheinlich gereicht hätte, um den Umgebungsdruck so weit
> abzusenken, dass man gar nichts mehr gehört hätte. Deshalb halte ich
> beim Öffnen von alten Champagnern immer die Luft an… In der Nase
> auch wieder Sherry, Schnitzel mit Jägersauce, also buchstäblich ein
> Duft von gebratenem Fleisch, der sich auch mit viel Luft nicht recht
> verziehen wollte. Im Mund ein entfernt stehender einzelner Apfel,
> sonst recht viel eindimensionale Säure. Auch kein Knaller.
>
> III. 1970
>
> Wieder eine Flasche ohne Cellophan. Vielleicht hat das Zeug ja
> wirklich einen Einfluss auf die Lagerfähigkeit? Zumindest war auf
> dieser Flasche noch ein gut wahrnehmbarer Druck und die Farbe war zwar
> reichlich altgolden, aber in der Nase zeigte sich eine morbide Süße,
> die noch nicht völlig von Pilzen übertönt war. Dieser Champagner
> schien auf Messers Schneide zu stehen und schmeckte auch so, als
> könne er sich nicht entscheiden, noch im Reich der Lebenden oder
> schon in dem der Toten weilen zu wollen. Die erschöpfte Süße musste
> sich der immer schärfer werdenden Säure letztlich doch geschlagen
> geben, zusammen mit der schnellen aromatischen Entwicklung war das
> aber eine lehrreiche Erfahrung.
>
> IV. 1978
>
> Mit dem Champagnerjahrgang 1978 habe ich leider Pech. Immerhin sollte
> man vermuten, dass die damals verantwortlichen Kellermeister bei ihren
> Prestuigecuvées nicht unter einem so gewaltigen Marketingdruck
> standen, wie heute. Also muss ein Haus wie Roederer sich doch etwas
> dabei gedacht haben, als entschieden wurde, einen 78er Cristal zu
> machen. Die Option: wir machen einen Champagner für die Ewigkeit
> scheint dabei sehr schnell ausgeschieden zu sein. Nicht, dass der 78er
> ungenießbar gewesen wäre, aber er war auch nicht altersgerecht
> gereift. Dominiert von Brotkruste, Toastaromen und einer Nase von
> angebranntem Apfelmus fehlte mir da einfach die Größe und Finesse,
> die diesen in der Jugend so gut trinkbaren Champagner ausmacht.
>
> V. 1979
>
> Wie anders sah dagegen der 79er aus. Jungfräulich im Cellophan,
> wurde schon das auspacken zur Freude. Angegiert hatte ich die Flasche
> vorher oft und lange genug, aber es geht doch nichts über den
> Augenblick der Flaschendefloration. Fest sitzender Korken, deutlich
> vorhandener Flaschendruck, in der Nase ein reifer Auftritt, der mich,
> zugegeben, überraschte. Nachdem die Flasche so tiptop gepflegt und
> jung aussah, hatte ich ganz verdrängt, dass der Inhalt schon einen
> späten Twen beherbergte. Also nichts mit "barely legal", eher schon
> "post graduate" - und offensichtlich unter den Jahrgangsbesten.
> Solche Champagner können schon sehr beeindrucken. Weiche
> Aprikosenhaut und ein Wohlgefühl, wie kurz vor dem sonntäglichen
> Gabelfrühstück. Frischer Toast mit Butter und Lemon Curd, Brioche,
> saftige Apfelspalten, Heisser Kaffee.
>
> VI. 1981
>
> Der Jahrgang ist so nichtssagend und fern für mich, wie peruanische
> Folklore. Aber siehe, in den Fussgängerzonen hört man sich das
> Panflötengedudel ja auch an und El Condor Pasa ist schließlich gar
> kein so schlechtes Lied. Also her mit der Flasche und aufgemacht. Und
> siehe wiederum, es war kein Fehler. Sehr schön noch die Farbe, auch
> die Nase zeigte sich von ihrer vorteilhaftesten Seite, keine
> Schrunden, Runzeln oder Falten verunzierten den knackig-apfeligen
> Auftritt, der nur sehr weit weg noch an Morcheln und andere Pilze
> erinnerte, sonst aber überwiegend fruchtig und etwas röstig-brotig
> war. Kein sehr vielseitiger Champagner, aber ein noch gut trinkbarer
> Cristal.
>
> VII. 1983
>
> Kork.
>
> VIII. 1985
>
> Hier waren wir wieder in geläufigeren Fahrwassern und bei einem der
> stabilen, bis heute mit Vergnügen trinkbaren Jahrgänge angekommen.
> Die gepflegt Flasche ließ schon ahnen, dass der Inhalt den
> Erwartungen entsprechen würde und genau so war es. Der Frischkornbrei
> aus âpfeln, Nüssen, Sahne und Honig, den meine Mutter neuerdings
> morgens zu sich nimmt, entspricht in Duft und Geschmack diesem
> Champagner ganz gut, nur dass beim Cristal keine Hirsekörner die
> Zahnzwischenräume verstopfen.
>
> IX. 1986
>
> So groß die Bordeaux dieses Jahrgangs, so mittelmäßig bis
> enttäuschend fallen die Champagner aus. Sanddornfarben und auch
> geschmacklich in der Nähe von Sanddorn und Quittenmus, nicht so sauer
> wie Verjus, aber ein ziemlich betäubendes Aroma. Zu laut, zu viel, zu
> oberflächlich und ausserdem schon bisschen zu alt für so ein
> Spektakel, erinnert mich der Champagner an eine Mischung aus Alice
> Cooper und Iggy Pop.
>
> X. 1988
>
> Wie schön war wiederum der 88er Cristal! Dieses Jahr zeigt bei den
> verschiedensten Erzeugern ein Überfliegerpotential, das stutzig
> macht. Das beste ist: man kann sogar noch immer zu vernünftigen
> Preisen Champagner aus diesem Jahrgang bekommen. Die belebende Säure,
> die bei vielen anderen, auch großen Champagnern etwas überdreht
> wirkt, tut dem Cristal sehr gut. So kann sich nämlich dessen
> röstiges, mit Brioche, Apfelkuchen, Nüssen und einem Sträusschen
> Trockenkräuter auftretendes Aroma wie in einem
> Weltklasse-Lap-Dance-Schuppen schlangengleich um eine imaginäre, hier
> von der Säure verkörperte Chromstange winden. Ich musste mich
> zurückhalten, nicht am Ende ein paar Dollarnoten in die
> Flaschenöffnung zu stopfen.
>
> XI. 1990
>
> Dieses Jahr war beim Cristal ein Überrascher für mich. Schon zu
> viele hochgelobte Champagner aus diesem Jahr habe ich vorzeitig
> sterben sehen, angesichts meiner auf wenig begeisternden
> Verkostungserfahrungen beruhenden Eingenommenheit gegen reife
> Cristalle erwartete ich nicht viel mehr, als dass mir eine Mischung
> aus Staub, Sand und vertrockneten Insekten aus der Flasche
> entgegenrieseln würde. Umso größer wurden Augen, Nase und Mund, als
> mit dem ersten leisen zischen eine ultrasexye Apfel-Mandel-Mischung
> sich ankpndigte; sehr erleichternd war schon in dem Moment das
> Gefühl, keinesfalls einen Korkschmecker erwischt zu haben. Der
> Champagner zeigte sich auch nicht als nur langsam erwachenderoder
> überwiegend schlaftrunkener Riese , sondern war quietschlebendig, mit
> einem frechen Zuckerwatteduft, aber vor allem einer an Rote Grütze,
> Verbene, Minze und Toffee erinnernden Aromatik, von der ich gar nicht
> genug bekam.
>
> XII. 1995
>
> Hart am Kork vorbeigeschrammt, oder doch ein Korkschleicher? Schwer
> zu sagen, denn ich bin mir über die Holzeinsatzpolitik von Roederer
> nicht ganz im Klaren. Die sehr röstige, gleichzeitig aber auch
> grünlich-unreife Note gefiel mir nicht besonders. Trotzdem war der
> Champagner von einer vornehmen, schlanken, langen, eleganten Machart
> und einer variantenreich herantänzelnden Säure, die ich beim
> Korkschleicher nur als plumpes Abbild davon kenne. Gekappt wirkte da
> nichts, aber in Hochform war er leider auch nicht.
>
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