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Datum: 2010-03-12 15:23:37
Absender: Boris Maskow

Betreff: Louis Roederer Cristal 1962 - 1995


Vom Cristal, zu dem ich etwas gespalten stehe, habe ich keineswegs
alle herausgegebenen Jahrgänge trinken können. Manche Flaschen waren
nicht im besten Zustand, andere erstaunten michaus den verschiedensten
Gründen sehr. Nicht alle der hier besprochenen Jahrgänge habe ich in
einer Vertikale probiert und vor allem die älteren Exemplare meist
nur bei einer Gelegenheit. Die Jahrgänge 88 bis 97 kenne ich am
besten, da ich sie am häufigsten probieren konnte, aber von einer
tiefgehenden Kennerschaft fühle ich mich bei dieser Cuvée noch weit
entfernt.

I. 1962

Die Flasche hatte ihr gelbes Cellophan schon vor einigen Jahren
verloren, das Etikett war berieben und angeschmutzt. Der Cristal
zeigte eine alterstypische dunkle Goldfärbung. Beim Öffnen ein
Hauch, als schwebe ein Geist durch den Raum. Massive Sherry-Pilznase
und kaltes Toastbrot. Im Grunde schon sehr appetitanregend, im Mund
aber flach und säuerlich. Leider kein besonderes Vergnügen.

II. 1966

Der 66er war sogar noch etwas dunkler als der 62er, auch diese
Flasche hatte die gelbe Hülle längst andernorts gelassen. Das
Etikett ebenfalls mit Lagerspuren. Der Korken sass erstaunlich fest,
auch etwas Druck war noch auf der Flasche. Wobei einmal heftig
einatmen wahrscheinlich gereicht hätte, um den Umgebungsdruck so weit
abzusenken, dass man gar nichts mehr gehört hätte. Deshalb halte ich
beim Öffnen von alten Champagnern immer die Luft an… In der Nase
auch wieder Sherry, Schnitzel mit Jägersauce, also buchstäblich ein
Duft von gebratenem Fleisch, der sich auch mit viel Luft nicht recht
verziehen wollte. Im Mund ein entfernt stehender einzelner Apfel,
sonst recht viel eindimensionale Säure. Auch kein Knaller.

III. 1970

Wieder eine Flasche ohne Cellophan. Vielleicht hat das Zeug ja
wirklich einen Einfluss auf die Lagerfähigkeit? Zumindest war auf
dieser Flasche noch ein gut wahrnehmbarer Druck und die Farbe war zwar
reichlich altgolden, aber in der Nase zeigte sich eine morbide Süße,
die noch nicht völlig von Pilzen übertönt war. Dieser Champagner
schien auf Messers Schneide zu stehen und schmeckte auch so, als
könne er sich nicht entscheiden, noch im Reich der Lebenden oder
schon in dem der Toten weilen zu wollen. Die erschöpfte Süße musste
sich der immer schärfer werdenden Säure letztlich doch geschlagen
geben, zusammen mit der schnellen aromatischen Entwicklung war das
aber eine lehrreiche Erfahrung.

IV. 1978

Mit dem Champagnerjahrgang 1978 habe ich leider Pech. Immerhin sollte
man vermuten, dass die damals verantwortlichen Kellermeister bei ihren
Prestuigecuvées nicht unter einem so gewaltigen Marketingdruck
standen, wie heute. Also muss ein Haus wie Roederer sich doch etwas
dabei gedacht haben, als entschieden wurde, einen 78er Cristal zu
machen. Die Option: wir machen einen Champagner für die Ewigkeit
scheint dabei sehr schnell ausgeschieden zu sein. Nicht, dass der 78er
ungenießbar gewesen wäre, aber er war auch nicht altersgerecht
gereift. Dominiert von Brotkruste, Toastaromen und einer Nase von
angebranntem Apfelmus fehlte mir da einfach die Größe und Finesse,
die diesen in der Jugend so gut trinkbaren Champagner ausmacht.

V. 1979

Wie anders sah dagegen der 79er aus. Jungfräulich im Cellophan,
wurde schon das auspacken zur Freude. Angegiert hatte ich die Flasche
vorher oft und lange genug, aber es geht doch nichts über den
Augenblick der Flaschendefloration. Fest sitzender Korken, deutlich
vorhandener Flaschendruck, in der Nase ein reifer Auftritt, der mich,
zugegeben, überraschte. Nachdem die Flasche so tiptop gepflegt und
jung aussah, hatte ich ganz verdrängt, dass der Inhalt schon einen
späten Twen beherbergte. Also nichts mit "barely legal", eher schon
"post graduate" - und offensichtlich unter den Jahrgangsbesten.
Solche Champagner können schon sehr beeindrucken. Weiche
Aprikosenhaut und ein Wohlgefühl, wie kurz vor dem sonntäglichen
Gabelfrühstück. Frischer Toast mit Butter und Lemon Curd, Brioche,
saftige Apfelspalten, Heisser Kaffee.

VI. 1981

Der Jahrgang ist so nichtssagend und fern für mich, wie peruanische
Folklore. Aber siehe, in den Fussgängerzonen hört man sich das
Panflötengedudel ja auch an und El Condor Pasa ist schließlich gar
kein so schlechtes Lied. Also her mit der Flasche und aufgemacht. Und
siehe wiederum, es war kein Fehler. Sehr schön noch die Farbe, auch
die Nase zeigte sich von ihrer vorteilhaftesten Seite, keine
Schrunden, Runzeln oder Falten verunzierten den knackig-apfeligen
Auftritt, der nur sehr weit weg noch an Morcheln und andere Pilze
erinnerte, sonst aber überwiegend fruchtig und etwas röstig-brotig
war. Kein sehr vielseitiger Champagner, aber ein noch gut trinkbarer
Cristal.

VII. 1983

Kork.

VIII. 1985

Hier waren wir wieder in geläufigeren Fahrwassern und bei einem der
stabilen, bis heute mit Vergnügen trinkbaren Jahrgänge angekommen.
Die gepflegt Flasche ließ schon ahnen, dass der Inhalt den
Erwartungen entsprechen würde und genau so war es. Der Frischkornbrei
aus âpfeln, Nüssen, Sahne und Honig, den meine Mutter neuerdings
morgens zu sich nimmt, entspricht in Duft und Geschmack diesem
Champagner ganz gut, nur dass beim Cristal keine Hirsekörner die
Zahnzwischenräume verstopfen.

IX. 1986

So groß die Bordeaux dieses Jahrgangs, so mittelmäßig bis
enttäuschend fallen die Champagner aus. Sanddornfarben und auch
geschmacklich in der Nähe von Sanddorn und Quittenmus, nicht so sauer
wie Verjus, aber ein ziemlich betäubendes Aroma. Zu laut, zu viel, zu
oberflächlich und ausserdem schon bisschen zu alt für so ein
Spektakel, erinnert mich der Champagner an eine Mischung aus Alice
Cooper und Iggy Pop.

X. 1988

Wie schön war wiederum der 88er Cristal! Dieses Jahr zeigt bei den
verschiedensten Erzeugern ein Überfliegerpotential, das stutzig
macht. Das beste ist: man kann sogar noch immer zu vernünftigen
Preisen Champagner aus diesem Jahrgang bekommen. Die belebende Säure,
die bei vielen anderen, auch großen Champagnern etwas überdreht
wirkt, tut dem Cristal sehr gut. So kann sich nämlich dessen
röstiges, mit Brioche, Apfelkuchen, Nüssen und einem Sträusschen
Trockenkräuter auftretendes Aroma wie in einem
Weltklasse-Lap-Dance-Schuppen schlangengleich um eine imaginäre, hier
von der Säure verkörperte Chromstange winden. Ich musste mich
zurückhalten, nicht am Ende ein paar Dollarnoten in die
Flaschenöffnung zu stopfen.

XI. 1990

Dieses Jahr war beim Cristal ein Überrascher für mich. Schon zu
viele hochgelobte Champagner aus diesem Jahr habe ich vorzeitig
sterben sehen, angesichts meiner auf wenig begeisternden
Verkostungserfahrungen beruhenden Eingenommenheit gegen reife
Cristalle erwartete ich nicht viel mehr, als dass mir eine Mischung
aus Staub, Sand und vertrockneten Insekten aus der Flasche
entgegenrieseln würde. Umso größer wurden Augen, Nase und Mund, als
mit dem ersten leisen zischen eine ultrasexye Apfel-Mandel-Mischung
sich ankpndigte; sehr erleichternd war schon in dem Moment das
Gefühl, keinesfalls einen Korkschmecker erwischt zu haben. Der
Champagner zeigte sich auch nicht als nur langsam erwachenderoder
überwiegend schlaftrunkener Riese , sondern war quietschlebendig, mit
einem frechen Zuckerwatteduft, aber vor allem einer an Rote Grütze,
Verbene, Minze und Toffee erinnernden Aromatik, von der ich gar nicht
genug bekam.

XII. 1995

Hart am Kork vorbeigeschrammt, oder doch ein Korkschleicher? Schwer
zu sagen, denn ich bin mir über die Holzeinsatzpolitik von Roederer
nicht ganz im Klaren. Die sehr röstige, gleichzeitig aber auch
grünlich-unreife Note gefiel mir nicht besonders. Trotzdem war der
Champagner von einer vornehmen, schlanken, langen, eleganten Machart
und einer variantenreich herantänzelnden Säure, die ich beim
Korkschleicher nur als plumpes Abbild davon kenne. Gekappt wirkte da
nichts, aber in Hochform war er leider auch nicht.

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