Schneller Zugriff auf alle Seiten durch SeitenübersichtÜbersicht |  Mobil |  RSS |  Suche |  Hilfe |  Newsletter |  Impressum | Wine forum Englisch
Werbung:
Weinmarketing-Blog
Utz Graafmann bloggt
für Ihren Erfolg im Netz
Benutzer:   Kennwort:   Dauerhaft anmelden 
Kostenlos registrieren |  Kennwort vergessen? |  Hilfe
Mit der kostenlosen Registrierung nutzen Sie Wein-Plus effektiver, ohne Verpflichtungen und ohne versteckte Kosten! Der Inhalt wird nicht von Werbung verdeckt und es öffnen sich keine Werbefenster. Außerdem haben Sie viele zusätzliche Möglichkeiten, die sie als unangemeldeter Nutzer nicht sehen. Ihre Daten werden nicht an Dritte weitergegeben! Sie erhalten durch die Registrierung keine unverlangten E-Mails. Jetzt kostenlos bei Wein-Plus registrieren
Werbung

Weinforum per E-Mail

Wenn Sie lieber per E-Mail am Forum teilnehmen möchten, können Sie sich hier anmelden:
Ihre E-Mailadresse:  

Webzugang zum Weinforum (nicht angemeldet)

Datum: 2008-04-13 07:21:34
Absender: Sven Zoepf

Betreff: Sauer macht Lust


Werte Weinfreunde,

dieser April macht, was er will. Temperaturen nur wenig über dem
Gefrierpunkt, Niederschläge deutlich oberhalb dessen, was die
Vegetation wirklich braucht, Landschaftsfarben, die an die Grisailles
eines Matthias Grünewald erinnern, mit anderen Worten: zum
Davonlaufen. Aber wohin?

Der Max, der Hendlmeier, ja der Weintalk, dessen Reisegäste nicht
Kunden sind, sondern Weinverrückte, nun, der Max lud nach Franken, auf
die
Vogelsburg, eine alte keltische Fluchtburg. Lang ist’s her und bei
diesem garstigen April wär’s kein Vergnügen, sich in ihren Schutz zu
begeben, aber nun ist sie seit Jahrzehnten den Augustinus-Schwestern
ein Ort der Besinnung und Begegnung ­ und zugleich Sitz des ältesten,
schon 906 erwähnten Weinguts im Fränkischen, ökologisch bewirtschaftet
von den Schwestern.

Und so trifft man sich im Kreis der Weinverrückten. Wolfgang Funck
scheut nicht die weite Fahrt aus Neumünster, Bernd Beckschwarte gibt
ein kurzes Gastspiel aus dem Westfälischen und Bernd Handschuh ist
immer zur Stelle, wenn ein interessantes Kapitel der Weinbibel
aufgeschlagen wird, schon um die klassische Exegese mit seiner Sicht
der Dinge, seiner Deutung der Aromen und Wirkstoffe, des Terroirs und
der Vinifizierung, auf den Prüfstand zu stellen. Und wenn der Stefan
Dany nicht ausgerechnet an diesem Wochenende seine Marathonpremiere an
der Weinstraße auf sich genommen hätte … Aber auch so ist eine muntere
Runde zusammengekommen. Je später der Freitagabend desto drolliger die
Anekdoten, desto wilder werden die gemeinsamen Erlebnisse im Médoc, an
der Côte Rotie oder auf den Terrassen der Wachau, desto einmaliger
wirken die genossenen grands crus und Jahrgänge, desto heroischer die
Winzer und unanfechtbarer die eigenen Geschmacksknospen. Nach dem
Begrüßungschampagner von Max und dem passablen Silvaner der
Augustinus-Schwestern kommt die Stunde der mitgebrachten Gewächse.
Ohne Protokoll erinnere ich mich nur an einen Grünen Veltliner, einen
Saumur …

Am nächsten Morgen pilgern wir zur Aussichtsplattform oberhalb der
Vogelsburg. Auch bei trübem Wetter erkennen wir den Lauf des eng
mäandernden Mains, im Norden Obereisenheim, im Osten Volkach, im Süden
jenseits des Flusses Nordheim mit seiner rummeligen Genossenschaft und
zu unseren Füßen das wie in einer Spielzeugeisenbahn wirkende
Escherndorf. Auftritt des Horst Sauer: verhalten, leise, aber doch
eindringlich besetzt er die Rolle des Weinscout, läßt uns teilhaben an
der jahrhundertealten Bearbeitung des Fürstenberg und des Lumpen,
führt uns Schritt für Schritt in seine Welt des Weinmachens. In
Schleifen ziehen wir über den Escherndorfer Lump, der asphaltierte Weg
wirkt wie der oberste Rang eines antiken Amphitheaters, das mit der
Ausrichtung von Südwest nach Südost für den Weinbau geradezu
prädestiniert ist. Unten im Tal, so müssen wir uns das bei frostnahen
Temperaturen und einheitsgrauem Himmel jetzt vorstellen, reflektiert
der Main die Sonneneinstrahlung, liefert aber auch im Spätsommer und
Frühherbst die Feuchtigkeit für die Botrytis. Gutes Stichwort. Bei
Kabinettweinen darf nicht eine von Botrytis befallene Beere den Weg in
seinen Keller finden, für die weiteren Qualitätsstufen hat Horst Sauer
die gewünschten Anteile des Botrytis-Leseguts genau definiert.

Silvaner und Riesling sind die Herren des Lumpen, während seine
anderen Rebsorten wie Müller-Thurgau, Kerner, Scheurebe und Bacchus in
den weniger ambitionierten Lagen des Fürstenberg zu finden sind. Immer
wieder erklärt uns der Meister die Topographie, die
Bodenbeschaffenheit (Muschelkalk), seine eigenen Wege und Irrwege der
Bodenbearbeitung, den Einsatz von Raupen in den Steillagen, die
Bewässerung im heißen Sommer 2003 mit Wasser aus dem Main und die
Wichtigkeit der körperlichen Fitness bei der Arbeit in den Reben. Es
war ein langer Weg von der Überzeugung, auf Qualität zu setzen, über
den Austritt aus der Winzergenossenschaft (1977) und seinen
lebenslangen Versuch, den perfekten Wein zu machen ­ bis zur demütigen
Erkenntnis, diesen könne und werde es nicht geben, bestenfalls
Annäherungen an ein Ideal. Seine Tochter Sandra, graduiert in
Geisenheim, hat die Verantwortung für die Rotweine übernommen ­ ¢ … da
bin ich nur ein Stift¢, meint Horst Sauer ­ ,während er die
notwendigen Entscheidungen für die edelsüßen Weine trifft und die
trockenen Weißweine gemeinsam entwickelt werden. Ja, Sandra bringe
neue wissenschaftliche Erkenntnisse in das Weingut, er selbst setze
weiterhin auf Intuition und Erfahrung, die Kombination aus Kopf und
Bauch sei ein deutlicher Mehrwert.

Bergab nehmen wir die Treppenstufen Richtung Escherndorf. Dieses
Dorf, bei der letzten Gebietsreform nach Volkach eingemeindet, ist
wirklich nicht herausgeputzt. Kein sichtbares Fachwerk, keine
Geranienbepflanzung an der Straße, weder fröhliche Farben noch
einladende Tore locken den von weither angereisten Besucher. Horst
Sauer ist enttäuscht von der Entwicklung seiner Gemeinde. Millionen
von Fördergeldern standen aus EU-Programmen zur Verfügung, geschehen
sei nichts. Umso auffälliger zeigt sich dann die Investition in sein
eigenes Weingut. Über vier Stockwerke arbeiten wir uns mit ihm von der
Bergseite zur Talebene vor, nicht ohne ein Glas in der Hand. Die
Verbindung von höchster Funktionalität und ästhetischer Betörung der
Sinne wirkt vollkommen. Nur heimische Baumaterialien wurden
eingesetzt, die Farbgestaltung nimmt die jahreszeitlich changierende
Natur draußen in den Reben auf.

Wo bleiben die Weine? Begrüßt wurden wir oben auf der
Aussichtsterrasse über dem Lump angesichts der fast winterlichen
Temperaturen mit einem leichten, fruchtigen Rotwein, sauber, klar und
unkompliziert. Im Keller beginnen wir mit ¢Frank und frei¢, einem
2007er Müller-Thurgau. O Schreck, laß nach? Ja, genau, diese
altbackene Rebsorte, vor deren breiter Würzfrucht ohne Tiefgang ich
regelmäßig die Flucht ergreife ­ jetzt könnte ich nur diskret den
Inhalt des Probierglases entsorgen. Aber schließlich bin ich ja nicht
hierher gekommen, um alte Vorurteile zu pflegen, obwohl es sich
zumeist so bequem mit ihnen leben läßt, sondern um Neues zu entdecken.
Neues? Mit Müller-Thurgau? Frank und frei nennt sich der Wein einer
Gruppe von 17 Winzern, die angetreten sind, den Scheintoten zu
revitalisieren. Vor Beginn der Vermarktung muß jeder sein Gewächs den
anderen zur Verkostung vorstellen. Wer den selbst gesetzten
Anforderungen an Qualität sensorisch nicht entspricht, darf diesen
Wein nicht unter ¢frank und frei¢ etikettieren und verkaufen.
Vermutlich werde ich in diesem Leben nicht mehr einen
Müller-Thurgau-Fanclub gründen, aber dieser Tropfen überzeugt durch
Frische und Lebendigkeit, feine Frucht und überraschend präsente
Säure, weit entfernt von den mißratenen Brüdern, die ich manchmal aus
Höflichkeit gegenüber dem Gastgeber mit steifer Oberlippe trinke.

Stockwerk für Stockwerk geht es bergab, die Qualitäten im Glas
steigen. Jetzt werden trockene Silvaner angeboten, ausschließlich
2007er, Ich erinnere mich insbesondere an den Kabinett vom Fürstenberg
und die Spätlese aus dem Lump. Beide überzeugen durch klare Frucht,
breites Aromenspektrum, feine Säure und eine gute Balance. Der Lump
hat mehr Körper, eine markantere Mineralität. Ja, das sind Silvaner,
die auch den Weg in unseren häuslichen Keller finden sollen. Die
¢Sehnsucht¢, ¢vom Holz geküßt¢, wie Horst Sauer uns erklärt, überzeugt
mich weniger. Die Früchte wirken zu füllig, fast ein wenig pomadig,
drängen sich auf Kosten der Frische in den Vordergrund. Für viele von
uns ist dann eine Silvaner Beerenauslese aus dem Lump der Gipfel, sehr
konzentriert, Trockenfrüchte, sehr lang, feine Säure im Hintergrund,
wie geschaffen als würdiger Abschluß eines Menüs.

Horst Sauer berichtet über einen ¢Ausbau über Kreuz¢ mit Johann Ruck
aus Iphofen. Jeder von beiden vinifiziert eine Partie aus der jeweils
besten Lage des anderen, Ruck einen Escherndorfer Lump und Sauer einen
Iphöfer Julius-Echter-Berg. Nicht der sportliche Ehrgeiz, wer es denn
besser kann, ist der Antrieb, sondern die Frage, was macht der Kollege
anders, wie wirkt sich seine Handschrift im Keller aus. Die kleine
Kollektion, je zwei verschiedene Lumpen und Julius-Echter-Berge, waren
im Nu ausverkauft. Leider können wir das Ergebnis nicht mehr
verkosten.

In kleinen Grüppchen schwärmen wir durch den Ort, um für das
Abendessen in der ¢Krone¢ auch Silvaner der anderen Winzer probieren
zu können. Wir besuchen Egon Schäffer, der seinen Weinen viel
Reifezeit gibt und deshalb erst den Jahrgang 2006 im Verkauf hat. Ein
Escherndorfer Lump Kabinett trocken und eine Spätlese trocken Alter
Weinberg (über 40 Jahre alte Rebstöcke) aus der gleichen Lage zeigen
eine traditionelle Machart, kraftvoll, weniger geschmeidig, ein wenig
behäbig, mir etwas zu alkoholisch. Leichter und frischer wirken
dagegen die Silvaner von Rainer Sauer. Die Kollektion von Michael
Fröhlich reißt mich nicht vom Hocker, nach den durchweg guten
Bewertungen habe ich mehr erwartet. Ein Silvaner der Genossenschaft
vom Bockbeutel-Hof erscheint müde und eindimensional. Und bevor ich es
vergesse: Bernhard hat sich offenbar einen Zweitschlüssel zum Keller
der BASF besorgt und bietet uns als Apéro einen gereiften Riesling vom
Buhl und einen Gewürztraminer, Leckerbissen für Freunde der Firne auf
dem Weg zum Petrol. Der Alterungsprozeß, finde ich, ist dem
Gewürztraminer besser bekommen als dem Riesling. Und zum Dessert?
Stano präsentiert aus seiner slowakischen Heimat einen Tokajské, wie
sein berühmter ungarischer Namensvetter Tokaji ein süßer Weißwein,
hier ein reinsortiger Furmint, füllig, mollig, unaufdringliche
Fruchtsüße.

Nach dem mühsamen Aufstieg zur Vogelsburg schlägt dort die
mitternächtliche Stunde der Rotweinenthusiasten. Eine vage Erinnerung
an Médoc und Zabergäu, Pfalz und Kaiserstuhl.

Sonntags endlich Sonnenschein. Abschied. Man sieht sich, im Mai an
der Rhône, im Juni in der Steiermark oder später irgendwo. Hauptsache,
es gibt Wein und einer hat etwas zu sagen. Und macht Lust. So wie hier
Horst Sauer.

Beste Grüße

Sven


Dieser Beitrag wurde mit dem webbasierten Zugang zum Forum erstellt:
www.wein-plus.de/forum/


--