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Datum: 2007-02-01 13:45:22
Absender: Frank Fremerey

Betreff: Muessen Bio-Weine anders schmecken? Und wenn ja warum?

Liebe Önologinnen und Önologen ;-)
Liebe Weinfreunde,

müssen Bio-Weine anders schmecken? Und wenn ja warum?

Als ich die Webseiten für die Familie Schmitt in Filzen getextet habe,
ist mir eine Interview-Bemerkung der Jungwinzerin Andrea Schmitt
besonders im Gedächtnis haften geblieben, nämlich, dass Biomethoden
Geschmacksveränderungen im Wein verursachen würden und dass auf
Biowirtschaft umgestellte Betriebe aufgrund dieser
Geschmacksveränderungen Kunden verloren haben sollen und Umsatzeinbrüch e
erleben mussten.

Ist das eine modernes Märchen oder ist da etwas dran? Und: Wenn sich
tatsächlich der Geschmack verändert, woran liegt das?

Wenn ich in meinem Laienverstand mal die möglichen Ursachen durchgehe,
ergibt sich folgendes Anfangsbild:

Auf Maximalertrag getrimmte Pflanzen brauchen mehr Dünger und sind
gestresster, brauchen in der Konsequenz also auch mehr Schutz gegen
Mikroorganismen und Schadinsekten (Exkurs: gibt es eigentlich auch durch
Viren verursache Pflanzenkrankheiten?). Daher: Egal ob konventioneller
Anbau oder Bio-Wirtschaft: Eine Begrenzung des Hektarertrags sollte dem
Geschmack des Weins nicht abträglich sein und zugleich zu weniger
Chemieeinsatz im Weinberg führen.

Eine Biomethode, die inzwischen auch im konventionellen Anbau genutzt
wird, ist der Ersatz von Mineraldünger durch stickstoffbindende Pflanzen
(Leguminosen heißen die, wenn ich mich nicht irre), die untergegraben
werden. Ich könnte mir nun vorstellen, dass untergegrabene Pflanzen beim
Zerfall einen signifikant anderen biochemischen Cocktail im Boden
ergeben als Mineraldünger. Ich stelle mir das analog dazu vor, dass
raffinierter Zucker eben auch anders schmeckt als Obstsalat. Daher:
Weingeschmack reagiert aber sehr empfindlich auf die Zusammensetzung des
Bodens, das habe ich schon sehr deutlich im Glas erlebt: Schiefer
schmeckt anders als Lehm oder Sand. Vielleicht schmeckt
Mineraldüngerwein auch anders als Leguminosenwein oder mit Biokuhmist
gedüngter Wein?

Pflanzenschutz ist auf jeden Fall ein Thema für Bio, denn man will nicht
nur die Nahrungsmittel von "Spritzmittelrückständen" freihalten, sondern
auch das Grundwasser. Wenn man nun statt Insektenvertilgungsmittel
sogenannte "Nützlinge" einsetzt, die sich als Raubinsekten zum Beispiel
von den Larven der Schadinsekten ernähren, kann ich mir kaum eine
Auswirkung auf den Geschmack vorstellen, ebensowenig bei Feromonfallen
oder Feromon-Abschreckern, die auch die Schmitts als "konventionelle
Bauern" befürworten.

Hat Schwefeleinsatz gegen Pilze im Weinberg eigentlich
Geschmacksauswirkungen? Die Früchte kranker Pflanzen schmecken auf jeden
Fall anders, das scheint mir klar zu sein.

"Pflanzenfamilien bilden" ist auch ein großes Thema für Bio, d.h. die
Pflanzen sollen sich gegenseitig beschützen: Schatten und Windschutz
spenden, Bodenerosion durch ein dichtes Wurzelwerk an der Oberfläche
verhindern und Wasser binden; durch Geruch Schädlinge vertreiben oder
Stoffe in den Boden abgeben, die die Nutzpflanzen brauchen (Symbiose).
Gerade Letzeres kann mit hoher Wahrscheinlichkeit Einfluss auf den
Geschmack des Mostes und damit des Endprodukts haben.

Wenden wir uns nun vom Acker weg und richten unser Augenmerk auf die
Verarbeitung kann ich mir schon bei der Mostgewinnung eher industrielle
und eher schonende Bio-Methoden vorstellen, bei der
Klärung/Entschleimung sowieso, aber da will ich gar nicht viel
spekulieren, es sind ja genug Experten anwesend. Geschmacksrelevant wird
hier was wie warum?

Im Fass oder Tank geht es weiter. An dieser Stelle noch mal vielen Dank
für die interessanten Beiträge zum Schwefelthema, das ja auch sehr
geschmacksrelevant ist, wie ich lernen durfte.

So, nun bin ich gespannt auf die Diskussion und die Erkenntnisse, die
die Önologie zum Thema hervorgebracht hat (gerne auch mit Hinweise auf
wissenschaftliche Fachartikel. Seit meinem Physikstudim und Dasein als
c't-Autor schreckt mich so etwas nicht mehr).

Herzliche Grüße und Prost

Euer

FrankF

www.wein-plus.de/karte/FrankF

--
Frank Fremerey
Fotokunst und Text
Bornheimer Str. 33a
53111 Bonn, Germany

web: wurst-macht-schoen.de
mail: frank@fremerey.net
voicemail: +49-228-217730
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--