| Datum: 2006-02-22 22:50:55 |
| Absender: Thomas Deck |
Betreff: WW56: Burgund 2002 bei den Weinwestfalen |
| Hallo Forum, das 56. Treffen der Weinwestfalen fand am 11.2.2006 bei Andy Klinge in Münster statt. Da sich Andy mit Wein auskennt, konnte das Thema eigentlich nur "Burgund" lauten. Genauer: Burgund 2002. Dieser Jahrgang ist in Burgund einer der besten der letzten 10 Jahre, und so war es höchste Zeit für eine erste Bestandsaufnahme. Da ich im Vorfeld nicht ausdrücklich als Protokollant auserkoren war, sind meine Notizen teilweise etwas knapp, vielleicht kommt noch die eine oder andere Ergänzung von meinen Mitstreitern. Zunächst gab es zwei Weißweine: 2003 Mittelheim St. Nikolaus, Riesling tr., Kühn (Rheingau) Sam Hofschusters 98-Punkte-Schnäppchen zu knapp 16 Euro, hin und wieder kontrovers diskutiert und vor 2-3 Monaten in einem geradezu katastrophalen Zustand (trotz Kronkorken-Verschluss). Dieses Mal ist aber Entwarnung angesagt: Dicht, mit Rückgrat, Säure, Charakter und den bekannten "2003-Aromen". 91 Punkte. Champagne Brut 1er Cru, Maurice Philippart Ich bin kein Champagner-Experte, halte aber diese kraftvollen Aromen nach "oxidiertem Apfel" für recht typisch. Trotz fehlender Eleganz ist mir das 86 Punkte wert. Jetzt aber zu den Burgundern: 2002 Bourgogne, Anne Gros Nase nach "jungem Burgunder"; Himbeere. Im Mund fast weich, nicht sehr dicht, die Milde kam evtl. von dezentem Holzeinsatz (Holz selbst war nicht zu erkennen). Ich hätte auf einen Chambolle getippt. 86 Punkte. 2002 Gevrey-Chambertin "Cuvée Ostrea", Trapet Père et Fils Nase "nicht Chambolle", d.h. keine Himbeere/Veilchen, sondern dunklere Früchte und auch etwas Kaffee. Im Mund dunkle Waldfrüchte. 86 Punkte. 2002 Gevrey-Chambertin "Vieilles Vignes", Sylvie Esmonin Die Tendenz geht hier klar in Richtung Kirsche: In der Nase aromatisch, im Mund üppig, noch jung wirkend. 89 Punkte. 2002 Spätburgunder "S", Weingut Kopp (Sinzheim/Ortenau), 19,50 Euro Der Wein war als deutscher erkennbar: Walderdbeere, Kaffee- bzw. Röstnoten, aber durchaus mit Rückgrat. 87 Punkte. Andere gaben sogar 1-2 Punkte mehr. Ich habe dennoch ein kleines Problem mit dem Wein: Im direkten Vergleich mit den Burgundern stellt man fest, dass bei ihm das Verhältnis zwischen Frucht- und Holznoten ungünstiger ist (größerer Holzanteil), und zwar sowohl bzgl. Intensität als auch bzgl. Reintönigkeit. Das ergibt immer noch sehr gute Weine, wie man sieht, aber das Endziel muss ein völlig holz- und röstnotenfreies Geschmacksbild sein, und zwar in jedem Entwicklungsstadium des Weins, gerade auch bei den Top-Weinen, und das dann nicht 2 oder 3, sondern mindestens 10 Jahre lang. So weit sind wir in Deutschland noch nicht ganz. 2002 Beaune 1er Cru Les Sizies, Jean Guiton Endlich mal wieder eine neue Lage kennen gelernt, sie scheint aber noch steigerungsfähig zu sein: In der Nase eine gewisse Frucht und auch ein kleiner Lösungsmittelton. Im Mund weniger Konturen als bei den Vorgängern. Holz war aber nicht dabei. 84 Punkte. 2002 Nuits-St-Georges "Vieilles Vignes", Patrice Rion Fruchtige Nase. Im Mund kompakt, die Noten gingen in Richtung Kräuter, Himbeere, Brombeere. Nuits-St-Georges passt hier ganz klar. Man muss da einfach anerkennen, dass uns die Burgunder in Sachen Terroir+Typizität noch einiges voraus haben. 90 Punkte. Der Wein müsste vor Ort unter 30 Euro liegen. 2002 Bourgogne "Halinard", Dugat-Py So dicht, fein und elegant mit einer Frucht in Richtung Himbeere, das "musste" Volnay oder Chambolle sein. 92 Punkte. Tatsächlich war es der Basiswein von Dugat-Py. Allerdings ist das einer der genialsten Erzeuger der Welt, seine Top-Weine sind kaum zu bezahlen und auch kaum zu bekommen. Und dieser "Basiswein" liegt auch schon bei über 30 Euro. Jetzt weiß ich, warum. 2002 Chambolle-Musigny 1er Cru Les Cras, Ghislaine Barthod Sehr konzentriert mit Noten in Richtung Veilchen (somit typisch Chambolle), hat aber auch gewisse Fruchtbonbon-Noten, fast zu viel von allem. 88 Punkte. 2002 Savigny-lès-Beaune 1er Cru Aux Gravains, Jean-Marc Pavelot Sehr dicht, sehr intensiv, Richtung Veilchen, wirkt etwas verschlossen, aber mit viel Potenzial, ein absoluter Top-Burgunder. 91 Punkte. Der Wein kostet vor Ort satte 15 Euro. 2002 Chambolle-Musigny 1er Cru Charmes, Patrice Rion Es waren auch 2003er angekündigt, daher tippte ich bei diesem Wein auf 2003: Der Wein hatte weniger Säure als die anderen, und die Aromatik wirkte etwas "verschoben". 88 Punkte. Eigentlich kein typischer Chambolle. Vielleicht waren in dieser Lage bei Rion die Trauben in diesem reifen Jahrgang einfach *zu* reif. 2003 Volnay 1er Cru Les Chevrets, Jean-Marc Boillot Ok, wenn man dann tatsächlich einen 2003er im Glas, wird die Sonderstellung dieses Jahrgangs klar: Andere Aromatik (hier: Erdbeere), sehr üppig, fast überkonzentiert, aber doch überraschend klar. 90 Punkte. 2003 Nuits-St-Georges 1er Cru Les Argillières, Patrice Rion Süßlich, üppig, war für mich nur schwer einzuordnen. 87 Punkte. Abschließend kamen dann noch 2 Weißweine: 2002 Pouilly-Fuissé "Les Vignes Blanches", Domaine Cordier Apfel, Haselnüsse, Mineralität. 88 Punkte. Meursault und Pouilly-Fuissé waren bei den letzen beiden Weinen angesagt, und hier tippte ich auf Meursault. Leider geirrt. 2002 Meursault, Henri Boillot Kandierte Ananas. 90 Punkte. "Erinnert an Pouilly-Fuissé". Ich muss mehr Meursault trinken. Ganz am Schluss kam dann noch: 2003 Laumersheim Kirschgarten Frühburgunder, Kuhn (Pfalz) Sehr dicht, mit Säure, Tanninen, Kaffee-Noten. Hat Stil, war für mich nicht als 03er erkennbar. 90 Punkte. Ist das vielleicht einer von denen, die im Jahr 2013 bei einer Vergleichsverkostung beweisen, dass es auch deutsche Terroir-Burgunder gibt? Abwarten. Unsere Bestandsaufnahme bei den Burgundern zeigte jedenfalls das erhoffte hohe Niveau, somit hatten wir einen sehr erfreulichen Einstieg in das 8. Jahr der Weinwestfalen. Thomas Deck -- |

