Zur Lage
Selten war die deutsche Weinszene so sehr in Aufruhr, wie im letzten
Jahr. Eine Fülle neuer Bezeichnungen hielt Einzug auf den Etiketten,
die Debatte um neue önologische Verfahren erhitzte die Gemüter und
eine Reihe alles Andere als einfach zu handhabende Jahrgänge brachte
die Hierarchie der Spitzenproduzenten ordentlich ins Wanken. Wohin geht
die Reise?
Classic und Selection: Sinnvolle Vereinfachung oder reiner
Marketinggag?
Mit dem 2000er Jahrgang hatten die beiden mit Millionenaufwand
beworbenen neuen Begriffe für ätrocken schmeckenden Wein aus
typischen, beziehungsweise klassischen Rebsorten eine denkbar
ungünstige Premiere. Die Ernsthaftigkeit, die hinter Werbesprüchen wie
ähat Klasse, schmeckt Klasse steht, wurde so bereits im ersten Jahr
auf eine harte Probe gestellt. Dabei befand sich die gesamte Weinszene
in einem Dilemma: sollte man aufgrund der teilweise extrem schwierigen
Bedingungen möglichst wenig Classic und Selection produzieren um nicht
von Anfang an die qualitativen Ansprüche unterlaufen zu müssen? Was
nützt dann aber der ganze Werbeaufwand, wenn es kaum Weine mit den
Bezeichnungen zu kaufen gibt?
Leider haben viele Erzeuger einen Weg gewählt, der verwirrender nicht
sein könnte. So gab es in den allermeisten Sortimenten der Befürworter
dieser neuen Begriffe zwar einen Classic, aber gleichzeitig auch ein bis
zwei trockene Qualitätsweine und nicht selten mehrere trockene
Kabinette. äGeschmacklich trocken war von allen verkosteten
Classic-Weinen nur ein geringer Teil. Am ehesten war dies noch bei den
Rotweinen und (seltener) den Rieslingen der Fall; so gut wie alle
anderen Sorten schmeckten mehr oder weniger süß. Zudem werde ich den
Verdacht nicht los, dass viele Produzenten ihre schwächsten Partien
für den Classic verwendeten. Es scheint, als hätte man die Gelegenheit
genutzt, die mäßigen Weine mit etwas mehr Restzucker, als dies bei
gesetzlich trockenen Weinen möglich gewesen wäre, äaufzupeppen,
um sie dann als Classic immer noch mit dem Nimbus des trockenen Weins an
den Mann bringen zu können. Von ähat Klasse, schmeckt Klasse
konnte man in vielen Fällen nicht reden; nicht selten war der Classic
der schwächste Wein im Sortiment.
Zum Glück hielten sich die meisten Produzenten mit der äSelection
in diesem Jahr zurück. Nur vereinzelt konnte 2000 eine Qualität auf
die Flasche gefüllt werden, die diese Bezeichnung verdient hätte.
Im Großen und Ganzen halte ich die Einführung neuer Bezeichnungen für
trockenen Wein in hierarchischer Abstufung für durchaus sinnvoll. Nur
sollten sich die betreffenden Erzeuger entweder ganz dafür oder dagegen
entscheiden. Dafür würde bedeuten, keine trockenen Prädikatsweine
mehr auf den Markt zu bringen und den einfachen QbA möglichst nur noch
als Literware, allenfalls noch als qualitativ unter dem Classic
angesiedelten Gutswein anzubieten. Alles Andere ist glatter Humbug und
vergrößert die Verwirrung und den Erklärungsbedarf beim Verbraucher
nur noch.
Doch auch die großzügige Handhabung der Restsüße halte ich noch
für ein Problem. Ein Wein mit 11 Gramm Zuckerrest kann nur in den
seltensten Fällen noch wirklich trocken schmecken. Keine Frage, äClassic
ist ein gutes Mittel, um das unselige äHalbtrocken zu vermeiden und
die bei vielen Leuten im Grunde beliebten halbsüßen Weine an den Mann
zu bringen, ohne es ihnen sagen zu müssen, dass sie halbsüß sind. Was
aber soll man dann mit der steigenden Zahl der Weintrinker machen, die
wirklich trocken schmeckende Weine vorziehen? Ihnen zu italienischem
Weißwein raten? Und warum hält man es dann nicht wenigstens bei den
Selectionsweinen mit der bisherigen Regelung von trockenen Weinen? Den
wenigsten Spitzenweinen mit entsprechenden Extrakt- und Alkoholwerten
steht der halbsüße Stil wirklich gut zu Gesicht. Und als Begleiter zu
vielen Speisen sind sie besonders in der Jugend schlicht ungeeignet.
Sollen wir also auch hier riskieren, dass anspruchsvolle Genießer
die eigentliche Zielgruppe der äSelection wieder zum Chablis,
zum Burgunder, zum Italiener zurückkehren, weil man ihnen mit den
deutschen Topgewächsen fast nur noch halbtrockene Weine unterjubelt?
Noch eine kleine Bemerkung zu den Begriffen an sich: Warum heißen
die neuen Qualitäten nicht Klassik und Selektion? Müssen wir jetzt äKlässik
und äSilektschn sagen? Wann zieht auch in der Weinbranche
endgültig die Unsitte der Verenglischung unserer Sprache ein? Wird es
bald dem Sport entlehnt Gutsnamen geben wie: äRhinehardshausen
Barons, äBassermann Winetigers oder äEagles of Kesselstadt?
Is this really notwendig?
Erstes Gewächs und Großes Gewächs: echte Ausnahmeweine oder reine
Preistreiberei?
Ich halte es allein für das Image des deutschen Weins für absolut
notwendig, Weinbergslagen zu klassifizieren und deren Erzeugnisse,
sofern die Qualität stimmt, auch klar als klassifizierte
Spitzenprodukte gekennzeichnet auf den Markt zu bringen. Am
französischen Vorbild ist eindrucksvoll zu erkennen, dass eine deutlich
herausgestellte Elite eine unschätzbare Triebfeder für ganze
Weinregionen und sogar Herkunftsländer darstellt. Jeder Produzent, der
in Deutschland eifersüchtig auf die Besitzer anerkannter Spitzenlagen
blickt und versucht, jegliche Klassifizierung und Herausstellung
klassifizierter Produkte zu verhindern, agiert extrem kurzfristig. Er
begreift nicht, welchen Vorteil er selbst aus dieser Situation ziehen
kann. Jeder Burgunder- oder Bordeauxproduzent und sei er auch noch
so miserabel kann alle seine Weine zu erheblich höheren Preisen
verkaufen, als dies ohne diese Eliten möglich wäre, von deren Ansehen
alle Erzeuger profitieren.
Ebenfalls absolut notwendig ist es jedoch auch, für eine entsprechende
Qualität dieser Vorzeigeweine zu sorgen. Im Rheingau stellt das Erste
Gewächs nun seit zwei Jahren die gesetzlich verankerte Elite vor allem
unter den trockenen Weinen dar. Bereits im ersten Jahr gab es unter den
freigegebenen Ersten Gewächsen solche, die diesen ehrenwerten Namen
nicht unbedingt verdienten. Im Jahrgang 2000 hätte man wohl lieber ganz
darauf verzichtet. Nur sehr wenige Rieslinge hatten im Rheingau das
Format für einen echten Prestigewein und manche der angebotenen
Topgewächse waren ein Hohn für die ganze Klassifikation. Ich weiß
nicht ob es im Einzelfall Unfähigkeit zur Selbstkritik, sensorische
Mängel, Ignoranz oder schlicht Gier war, die manche Erzeuger dazu
veranlasste, dünne, unreife und säurebetonte Weine zur
Zulassungsprüfung für das Erste Gewächs anzustellen. So lange diese
Prüfung von den betreffenden Produzenten jedoch in Eigenverantwortung
durchgeführt wird, scheint man nicht in der Lage zu sein, den Weinen
gegenüber auch nur annähernd kritisch genug gegenüberzutreten.
In anderen Anbaugebieten scheint dies inzwischen auch ohne
gesetzliche Regelung erheblich besser zu funktionieren. In der Pfalz
waren auch unter den als äGroßes Gewächs Pfalz erschienenen
2000er Prestigegewächsen kaum Enttäuschungen. Und die entsprechende
Initiative in Rheinhessen hat mit ihrer ersten Präsentation 2001
gezeigt, wie es geht: fast ausschließlich erstklassige Weine, die den
Namen äGroßes Gewächs zurecht tragen.
Doch wie schon bei Classic und Selection habe ich auch bei Ersten und
Großen Gewächsen Bedenken, was die erlaubten Restzuckermengen angeht.
Warum benötigt ein aus vollreifen Trauben erzeugter, kraftvoller
Spitzenwein schmeckbaren Restzucker um harmonisch zu sein? Fehlt den
meisten Produzenten in Deutschland wirklich das nötige Selbstvertrauen
um knochentrockene Weine von Weltklasse zu erzeugen, oder möchte man
sich hier bewusst die Möglichkeit offen halten, gewisse Schwächen im
Wein zu kaschieren?
Neue önologische Verfahren: notwendig zur Wahrung der
Wettbewerbsfähigkeit oder Ausverkauf der Individualität?
Technik und Wissenschaft haben die Möglichkeiten der Weinbereitung
in den letzten Jahren grundlegend verändert und erweitert. Kaum ein
berühmtes Chateau in Bordeaux arbeitet heute noch ohne
Mostkonzentration, Aromahefen sorgen vielerorts für im besten Wortsinne
blendenden Geschmack und Holzschnipsel in den Tanks für die scheinbar
erforderliche Kosmetik.
Was hat nun der Verbraucher von dieser Art Fortschritt? Eines ist
klar: mit Hilfe von ausgefeilter Kellertechnik und allerlei Hilfsmitteln
lassen sich aromaintensive, auf internationalen Einheitsgeschmack
getrimmte Weine in Massen zu günstigen Preisen Produzieren.
Grundsätzlich gibt es dagegen nur wenig einzuwenden, da ein großer
Teil der Weinkonsumenten sich nicht im Geringsten für Dinge wie
Herkunft, Charakter oder Authentizität dessen, was er da trinkt
interessiert. Hier geht es nur darum, ein im Trend liegendes
alkoholisches Getränk zu finden, das preiswert und zugleich schmackhaft
ist.
Es gibt jedoch heutzutage auch eine andere Entwicklung. Immer mehr
Menschen interessieren sich tatsächlich für Wein, nicht nur als
Getränk, sondern als Teil ihrer Lebenskultur. Hier wird die Frage nach
der Anwendung neuer Weinbereitungsverfahren weniger zu einem
wissenschaftlichen oder ökonomischen, sondern vielmehr zu einem
philosophischen Thema. Wein ist von je her ein Kulturprodukt in dessen
Entstehungsprozess schon immer seitens des Menschen lenkend eingegriffen
wurde. Doch wo ist die Grenze zwischen wünschenswerter Steuerung und
der Erzeugung eines völlig verfremdeten Kunstprodukts?
Immer wieder heißt es, die neuen önologischen Verfahren seinen dazu
da, Weine schlicht besser zu machen. Gerade bei der Mostkonzentration
wird darauf hingewiesen, dass nur bereits sehr gute Moste sich zur äVerbesserung
eignen. Das verrückte an der Sache ist, dass man uns wirklich weis
machen will, man könnte aus einem sehr guten Wein mit Hilfe eines
fundamentalen Eingriffs in seine ganze Struktur und Balance einen
Großen machen. Mir fällt es schwer, dieser Argumentation zu folgen.
Doch selbst wenn dies gelänge, wenn es wirklich möglich wäre,
durch bedachten Einsatz aller möglichen und zulässigen Mittel einen
Wein zu kreieren, der allen Anfechtungen stand hält und wirklich
zweifellos besser, authentischer, individueller ist, als dies ohne
Eingriffe möglich wäre, glaube ich kaum, dass wir Verbraucher einen
tatsächlichen Gewinn davon hätten. Es wird sich meiner Ansicht nach
kaum verhindern lassen, dass die Möglichkeiten ihre Nutzer mit der Zeit
korrumpieren. Zu groß ist die Verlockung, einen schnell verkäuflichen,
weil Massenkompatiblen Einheitswein zu produzieren. Schon ohne
technische Hilfsmittel schreitet diese Entwicklung immer weiter voran.
Ich kenne keine grauenhaftere Vorstellung, als die, dass mir in naher
Zukunft nicht mehr die Wahl bleibt, welche Art Wein ich trinken möchte,
so wie ich bereits heute kaum mehr die Wahl habe, welches Gemüse ich
esse, weil es fast nur noch Fades und Wässriges aus holländischen
Gewächshäusern gibt. Ich möchte nicht auch hier einer der letzten
Generationen angehören, die noch weiß, wie echter Wein schmeckt, weil
alle Produzenten einer schleichenden Vereinheitlichung unterworfen sind.
Das Hauptargument aller Befürworter neuer önologischer Verfahren ist
die Wettbewerbsfähigkeit mit Weinbauländern, in denen diese bereits
zugelassen sind. Seltsamerweise käme niemand je auf die Idee zu
behaupten, die großen Weine des vergangenen Jahrhunderts könnten mit
den nach neuen Methoden produzierten Erzeugnissen nicht mehr
konkurrieren. Doch schon heute scheint sich kaum jemand mehr auf die
Qualität, die er in seinem Weinberg erzeugen könnte, konzentrieren zu
wollen. Die Köpfe selbst vieler Spitzenproduzenten sind bereits
infiziert mit dem Gedanken, man könne im Keller doch noch aus 100
Prozent 120 machen. Dummerweise macht uns gerade das Bordelais vor, dass
diese Vorstellung ein großer Trugschluss ist. Während die Weine der
dortigen Spitzenproduzenten selbst aus den teils katastrophalen
Jahrgängen in den 60ern heute noch oft mit Genuss zu trinken sind,
fallen die Mostkonzentrierten 92er und 93er bereits auseinander.
Während man mit hyperkonzentrierten Fruchtbomben versucht der scheinbar
übermächtigen Konkurrenz aus Übersee entgegenzutreten geht man dort
zum Teil längst den gegenteiligen Weg zu weniger Alkohol, weniger Wucht
und mehr Klasse, Charme und Authentizität.
In Deutschland ist die Situation kaum anders. Auf der ganzen Welt
versuchen engagierte Weißweinerzeuger, dem deutschen Vorbild leichter
Weine mit enormer Ausdruckskraft nachzueifern und hierzulande faselt man
von äinternational trockenem Geschmack; und das mit ausländischen
Vorbildern im Kopf, die in Sachen Qualität und Trinkfreude das
einheimische Niveau nur in den seltensten Fällen erreichen. Begreift
denn niemand die einmalige Chance, sich in Deutschland als Produzenten
eigenständiger, unverwechselbarer Weine mit klarem Herkunftscharakter
weltweit zu profilieren? Sind wir wirklich so blöd zu glauben, den
Anderen wieder einmal alles nachmachen zu müssen um konkurrenzfähig zu
bleiben? Sieht denn niemand, dass dieser Schuss nach hinten los geht?
Der Jahrgang 2000
Ein extrem früher Austrieb (zum Teil schon in der 3. Märzwoche) und
eine mancherorts bereits Ende Mai einsetzende Blüte ließen früh
Hoffnungen auf einen Jahrhundertjahrgang aufkommen. Der ideale
Witterungsverlauf sorgte für einen Reifevorsprung von bis zu 3 Wochen,
dem selbst der relativ kühle Juli wenig anhaben konnte. Ab Mitte August
setzte nach und nach in allen Weingebieten Regen ein und hörte von
da an praktisch nicht wieder auf. Mit der feuchten und gleichzeitig
warmen Witterung kam auch die Fäulnis. Während die frühreifen Sorten
vielerorts schnell und in überwiegend gesundem Zustand eingefahren
werden konnten, blieb bei Riesling und anderen späten Arten nichts
anderes übrig, als zu warten und bald täglich die faulen Trauben
auszulesen.
Am Ende konnten aus manchen Lagen nur winzige Mengen gesunden
Traubenguts eingebracht werden, nicht wenige Parzellen faulten gar
innerhalb weniger Tage vollkommen weg. Doch nicht überall war die
Situation gleich schlimm. Während vor allem die Mittelhaardt und weite
Teile des Rheingau katastrophale Zustände erlebten, hatten die
Terrassenmosel, manche Bereiche der Nahe und Württembergs, das
Markgräflerland, der östliche Teil Frankens und die beiden
Weinbaugebiete der neuen Bundesländer offensichtlich Glück. Hier
konnte ein mehr oder weniger großer Teil der Lese bei trockenen
Bedingungen stattfinden, was sich in häufig sehr reintönigen und gut
strukturierten Weinen niederschlug.
Überhaupt barg der Jahrgang auch Chancen. Im Gegensatz zu 1999 war
diesmal die Wasserversorgung nirgends ein Problem. Bei sorgfältigster
Weinbergsarbeit war es daher in den meisten Gebieten durchaus möglich,
Weine mit hohem Extrakt und sehr saftiger Frucht zu keltern, beides
Attribute, die 1999 oft fehlten. Das macht sich besonders deutlich an
der Mosel bemerkbar, wo nach den manchmal sehr blassen und kurzlebigen
99ern unter den Händen gewissenhafter Erzeuger wieder Rieslinge mit
Substanz und Reifepotenzial entstanden sind. In Baden wiederum ist die
Zahl flacher Alkoholbomben deutlich niedriger als im Vorjahr.
Überrascht bin ich, wie vielen Produzenten dieses Jahr ansprechende
Rotweine geglückt sind. In manchen Fässern schlummern Tropfen, die ich
unter diesen Umständen kaum für möglich gehalten hätte und an der
Ahr wurden mit fast übermenschlichem Aufwand einige echte Spitzenweine
auf die Flasche gebracht. Kaum ein namhafter Produzent leistete sich
hier Schwächen.
Leider wirft der ziemlich laxe Umgang vieler Verbandsfunktionäre,
Genossenschaftsvorstände und auch Selbstvermarkter mit der Wahrheit
einen Schatten auf die positiven Aspekte des Jahrgangs 2000. Die
Ernteberichte strotzen oft nur so von Superlativen wie äTraumjahr
oder äJahrhundertjahrgang. Da werden Oechslegrade zelebriert, ohne
Rücksicht darauf, ob diese nun durch Edelfäule verursacht wurden, oder
durch Grau- und Sauerfäule, was erheblich häufiger vorkam. Die Zahl
der wirklich reintönigen Dessertweine ist dieses Jahr verschwindend
gering und die Mengen, die hinter diesen Gewächsen stehen spotten jeder
Beschreibung. Doch auch in allen anderen Geschmacksbereichen und äQualitätsstufen
sind wirklich saubere und reife Weine eher die Ausnahme als die Regel.
Selbst bei Spitzenproduzenten ließen sich von der Fäulnis herrührende
Wachsaromen oder unreife und grüne Noten oft nicht vermeiden. Zudem
merkt man vielen Weinen die erheblichen Eingriffe, die im Keller bei
ungenügend selektiver Lese nötig waren, um überhaupt einen halbwegs
trinkbaren Wein auf die Flasche zu bringen, deutlich an. Kaum eine
Handvoll Betriebe konnte wirklich eine große Kollektion präsentieren.
In den meisten anderen Fällen deutet die Rede von einem Traum- und
Jahrhundertjahrgang auf einen eklatanten Mangel an Respekt vor den
Verbrauchern hin. Vielleicht sind aber auch Verlogenheit und Ignoranz
manchmal die treffenderen Worte. Wann wird man endlich einsehen, dass
solches Verhalten und eben nicht das Aussprechen unangenehmer Wahrheiten
den Weinbau in ganz Deutschland immer und immer wieder in Verruf bringt?
Der Jahrgang 1999
Auch wenn es wie immer deutliche regionale Unterschiede gab, wurde
der Jahrgang so gut wie überall in Deutschland von drei Faktoren
geprägt: einer frühen Blüte, extremer Hitze im Sommer und zeitweise
feucht-warmer Witterung im Herbst. Während im Sommer die Trauben am
Stock verbrannten und teilweise der Reifeprozess aufgrund der
Trockenheit ins Stocken geriet, sorgte das warme feuchte Wetter im
Herbst für ein Aufblähen der Beeren und einen deutlichen Rückgang der
Extraktwerte. Wer die Lese zu früh ansetzte, lief Gefahr, zwar
analytisch, aber nicht physiologisch reife Beeren zu ernten. So
erklären sich auch trockene Spät- und Auslesen mit über 13% Alkohol
und dennoch sehr mäßigem Extrakt und zum Teil unreifen, grasigen
Aromen. Nicht selten sind die Kabinette daher harmonischer, als die
vermeintlichen Spitzenweine..
Der Stress, dem die Reben ausgesetzt waren, sorgte zudem vielerorts für
äuntypische Altersnoten (UTA), mit denen dieses Jahr auch einige
ansonsten sehr zuverlässige Produzenten Probleme hatten. Diejenigen
Erzeuger, die bereits früh begannen, ihre Weinberge auszudünnen und
die Lese sehr lange hinauszögerten, hatten eindeutig die Nase vorn und
konnten zum Teil überragende Resultate vor allem im trockenen Bereich
einfahren.
Unregelmäßige Botrytisentwicklung erschwerte jedoch die Produktion
edelsüßer Spitzenweine mitunter erheblich. Auch die Eisweinlese
verzögerte sich manchmal bis weit in den Januar, was der Reintönigkeit
der Ergebnisse nicht immer zuträglich war. Viele Eisweine,
Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen sind durch pilzige
Geschmacksnoten beeinträchtigt, oder leiden Mangel an Rasse und
Komplexität. Nicht selten sind die Auslesen besser, als die höheren
Prädikate.
Ein besonderes Jahr war 1999 allerdings für die Rotweine, vor allem
jene aus Burgundersorten. Ihnen kamen die Jahrgangsbedingungen erheblich
mehr entgegen als den meisten weißen Arten. So entstand eine Fülle
sehr guter bis hervorragender Rotweine, wie es sie in Deutschland in der
Menge und Qualität bislang nicht gab. An der Ahr und im Rheingau, in
Franken und in der Pfalz wurden neue Qualitätsmaßstäbe gesetzt. In
Baden zeigte ausgerechnet ein Seiteneinsteiger aus Bühl, was möglich
ist, während mancher etablierte Betrieb mir etwas zu sehr auf
Eichenholz und übertriebene (teils maschinelle) Konzentration setzte.
Alles in allem also kein einfacher Jahrgang, der in manchen Bereichen
deutlich die Spreu vom Weizen trennte und zu hohe Erträge gnadenlos
bestrafte. Dabei gelang es dennoch einer ganzen Reihe von Erzeugern, die
Möglichkeiten des Jahrgangs optimal zu nutzen und großartige
Kollektionen vorzustellen.
Wie dieser Führer entsteht
Jedes Frühjahr werden zur Zeit etwas über 1500 Produzenten aus
unserer Datenbank eingeladen, Proben zur Blindverkostung in die
Redaktion nach Erlangen zu senden. Die Produzenten haben bis Mitte
Oktober Zeit, dieser Bitte nachzukommen, sodass sich niemand gedrängt
fühlen muss, Weine früher abzufüllen oder einzureichen als gut für
sie wäre. Die Probeflaschen werden nach Eintreffen von Assistenten mit
allen relevanten Daten erfasst, anonymisiert und mit einer Probennummer
versehen.
Vor der Verkostung werden die Weine in Serien nach Herkunft, Rebsorte
und Süßegrad eingeteilt. Innerhalb der Serien findet noch einmal eine
Staffelung nach Alkohol und/oder Restsüße statt, um möglichst faire
Verkostungsbedingungen zu gewährleisten. Die Degustation erfolgt stets
blind in unserem Verkostungsraum im Keller. Hier herrschen neben relativ
konstanten Temperaturen vor allem immer gleiche Lichtverhältnisse, was
Beeinflussungen von Außen so weit wie möglich zu reduzieren hilft. Die
Benotung und Beschreibung der Weine erhält noch während der ersten
Verkostung ihre endgültige Form, wenngleich ich viele von Ihnen später
noch einmal offen probiere, um Rückschlüsse auf ihren
Herkunftscharakter, ihr Terroir führen zu können.
In den Weinführer werden ausschließlich in Erlangen blind probierte
Originalabfüllungen aufgenommen. Bewertungen, die auf Messen, bei den
Produzenten oder aus anderen Gründen nicht verdeckt vorgenommen wurden,
finden keine Aufnahme im offiziellen Teil, können aber im Begleittext
zumindest erwähnt werden. Auch Fassproben werden nicht berücksichtigt.
Die Bewertung und das Punktesystem
Bei offiziellen Verkostungen deutscher Weine wird in der Regel ein am
einheimischen Durchschnitt orientierter Maßstab angelegt. Das mag eine
akzeptable Vorgehensweise für regionale Wettbewerbe darstellen, für
eine umfassende Bestandsaufnahme der Leistungen eines Erzeugerlandes ist
sie gänzlich ungeeignet. Die bei den Verkostungen für den wein-plus
Weinführer Deutschland gewonnenen Ergebnisse können nur im
internationalen Maßstab eingeordnet werden, um tatsächliche
Aussagekraft zu besitzen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Weine einen
austauschbaren, international mehrheitsfähigen Geschmack vorweisen
müssten, um eine positive Beurteilung zu erhalten. Ganz im Gegenteil.
Wichtige Qualitätsmerkmale für einen erstklassigen Wein sind seine
Individualität und die Fähigkeit, seine Herkunft in einem mehr oder
weniger genau definierbaren Geschmack auszudrücken.
Zu messen haben sich diese Weine jedoch an den besten Erzeugnissen
anderer Länder. Die Voraussetzung, um hier zu einem relativ gesicherten
Urteil zu kommen, ist eine gute Kenntnis dieser Erzeugnisse. Noch
während meiner Arbeit am Weinführer verbrachte ich nahezu jede Woche
mehrere Stunden mit der Verkostung von Weinen aus allen Anbaugebieten
der Welt, um auf diesem Gebiet nie den Horizont aus den Augen zu
verlieren.
Die Bewertung erfolgt nach dem aus den USA stammenden und dem
dortigen Schulnotensystem entlehnten 100-Punkte-Schema. Es scheint
hierbei weltweit verschiedene Auffassungen darüber zu geben, wie streng
dieses System interpretiert werden sollte. Ich für meinen Teil ziehe
eine strenge Interpretation vor, was dazu führt, dass hier die
empfehlenswerten Weine bereits bei 75 Punkten beginnen und alles über
80 Punkten bereits als "sehr gut" eingestuft ist und großen Genuss
bereitet. Bitte halten sie sich diese Benotungspraxis stets vor Augen,
wenn Sie dieses Buch benutzen, da dies für das Verständnis der
Bewertungen unerlässlich ist.
Die Beurteilung von Weinen aufgrund von Punktnoten ist nicht
unumstriten. Die Kritiker dieser Praxis bezweifeln, dass sich komplexe
sinnliche Erfahrungen, wie sie Wein zweifellos bescheren kann, in
exakten Punktnoten ausdrücken lassen. Dieses Argument lässt sich
natürlich nicht ganz von der Hand weisen. Dennoch ist es kaum anders
möglich, eine allgemeine qualitative Einschätzung zu vermitteln, ohne
dabei in völlig verquaste Prosa zu verfallen. Keinesfalls soll auf
diese Art ein Absolutheitsanspruch vermittelt werden. Bei einem
lebendigen Produkt, wie es Wein nun einmal ist (oder sein sollte), wäre
dies reine Anmaßung. Um jedoch die Urteile nicht auf reine Punktzahlen
zu reduzieren, wird zu jeder Probe auch eine ausführliche
Verkostungsnotiz veröffentlicht. Sie soll Ihnen zudem dabei helfen,
sich ein Bild von der Stilistik jedes Weins zu machen.
Bitte vergessen Sie niemals, dass Punkte und Beschreibungen in diesem
Fall das Ergebnis der Anstrengungen eines Einzelnen sind. Sie spiegeln
meine Gewissenhaftigkeit und Leidenschaft ebenso wieder, wie meinen
Mangel an Vollkommenheit falls es so etwas in der Weinkritik
überhaupt geben kann. Bitte gehen Sie also davon aus, dass ich zum
einen Fehler mache, zum Anderen in mancher Hinsicht vielleicht eine ganz
andere Einstellung zu bestimmten Weinstilen, Geschmacksrichtungen und
Produktionsmethoden habe, als Sie sie besitzen. Ein kritischer Umgang
mit diesem Werk inklusive Rückmeldung ist also ausdrücklich
erwünscht.
Hinweise zu den Erzeugern
Die einzelnen Weingüter sind mit ihren wichtigsten Adressdaten,
Angaben zu den Inhabern, sowie gegebenenfalls zu Kellermeistern und
Verwaltern vertreten. Dazu kommen Informationen für den Besucher,
soweit uns diese zur Verfügung gestellt wurden. Die Gutsportraits
basieren größtenteils auf bei persönlichen Gesprächen mit den
Produzenten gewonnenen Erkenntnissen. Aus Zeitgründen kann ich jedes
Jahr nur einen Teil der Güter persönlich besuchen, weshalb die
Portraits erst nach und nach vervollständigt werden können. Ziel ist
es, etwa alle 4 Jahre jeden Produzenten einmal persönlich aufzusuchen,
um mich vor Ort ins Bild zu setzen. Bei bedeutenden Erzeugern wird dies
auch öfter der Fall sein.
Neben Art und Menge der mir zur Verfügung stehenden Informationen
entscheidet auch die Qualität und historische Bedeutung eines Betriebes
über Vorhandensein beziehungsweise Länge eines Portraits. Zudem werden
nur solche Produzenten besprochen, die Proben zur Verkostung angestellt
und mit diesen eine ausreichende Mindestqualität erreicht haben.
Am Ende der einzelnen Anbaugebiete bzw. Bereiche werden zu Ihrer
Information noch Adressen weiterer Betriebe aufgelistet. Eine
qualitative Aussage wird mit der Veröffentlichung dieser Adressen
ausdrücklich nicht getroffen.
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