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75-79: Ordentlich bis gut
80-84: Sehr gut
85-89: Ausgezeichnet
90-94: Hervorragend
95-99: Groß
100: Einzigartig

Dieses Bewertungssystem ist deutlich strenger als andere international verwendete 100-Punkte-Systeme.
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Zur Lage

Selten war die deutsche Weinszene so sehr in Aufruhr, wie im letzten Jahr. Eine Fülle neuer Bezeichnungen hielt Einzug auf den Etiketten, die Debatte um neue önologische Verfahren erhitzte die Gemüter und eine Reihe alles Andere als einfach zu handhabende Jahrgänge brachte die Hierarchie der Spitzenproduzenten ordentlich ins Wanken. Wohin geht die Reise?

Classic und Selection: Sinnvolle Vereinfachung oder reiner Marketinggag?

Mit dem 2000er Jahrgang hatten die beiden mit Millionenaufwand beworbenen neuen Begriffe für ätrocken schmeckenden Wein“ aus typischen, beziehungsweise klassischen Rebsorten eine denkbar ungünstige Premiere. Die Ernsthaftigkeit, die hinter Werbesprüchen wie ähat Klasse, schmeckt Klasse“ steht, wurde so bereits im ersten Jahr auf eine harte Probe gestellt. Dabei befand sich die gesamte Weinszene in einem Dilemma: sollte man aufgrund der teilweise extrem schwierigen Bedingungen möglichst wenig Classic und Selection produzieren um nicht von Anfang an die qualitativen Ansprüche unterlaufen zu müssen? Was nützt dann aber der ganze Werbeaufwand, wenn es kaum Weine mit den Bezeichnungen zu kaufen gibt?
Leider haben viele Erzeuger einen Weg gewählt, der verwirrender nicht sein könnte. So gab es in den allermeisten Sortimenten der Befürworter dieser neuen Begriffe zwar einen Classic, aber gleichzeitig auch ein bis zwei trockene Qualitätsweine und nicht selten mehrere trockene Kabinette. äGeschmacklich trocken“ war von allen verkosteten Classic-Weinen nur ein geringer Teil. Am ehesten war dies noch bei den Rotweinen und (seltener) den Rieslingen der Fall; so gut wie alle anderen Sorten schmeckten mehr oder weniger süß. Zudem werde ich den Verdacht nicht los, dass viele Produzenten ihre schwächsten Partien für den Classic verwendeten. Es scheint, als hätte man die Gelegenheit genutzt, die mäßigen Weine mit etwas mehr Restzucker, als dies bei gesetzlich trockenen Weinen möglich gewesen wäre, äaufzupeppen“, um sie dann als Classic immer noch mit dem Nimbus des trockenen Weins an den Mann bringen zu können. Von ähat Klasse, schmeckt Klasse“ konnte man in vielen Fällen nicht reden; nicht selten war der Classic der schwächste Wein im Sortiment.

Zum Glück hielten sich die meisten Produzenten mit der äSelection“ in diesem Jahr zurück. Nur vereinzelt konnte 2000 eine Qualität auf die Flasche gefüllt werden, die diese Bezeichnung verdient hätte.
Im Großen und Ganzen halte ich die Einführung neuer Bezeichnungen für trockenen Wein in hierarchischer Abstufung für durchaus sinnvoll. Nur sollten sich die betreffenden Erzeuger entweder ganz dafür oder dagegen entscheiden. Dafür würde bedeuten, keine trockenen Prädikatsweine mehr auf den Markt zu bringen und den einfachen QbA möglichst nur noch als Literware, allenfalls noch als qualitativ unter dem Classic angesiedelten Gutswein anzubieten. Alles Andere ist glatter Humbug und vergrößert die Verwirrung und den Erklärungsbedarf beim Verbraucher nur noch.

Doch auch die großzügige Handhabung der Restsüße halte ich noch für ein Problem. Ein Wein mit 11 Gramm Zuckerrest kann nur in den seltensten Fällen noch wirklich trocken schmecken. Keine Frage, äClassic“ ist ein gutes Mittel, um das unselige äHalbtrocken“ zu vermeiden und die bei vielen Leuten im Grunde beliebten halbsüßen Weine an den Mann zu bringen, ohne es ihnen sagen zu müssen, dass sie halbsüß sind. Was aber soll man dann mit der steigenden Zahl der Weintrinker machen, die wirklich trocken schmeckende Weine vorziehen? Ihnen zu italienischem Weißwein raten? Und warum hält man es dann nicht wenigstens bei den Selectionsweinen mit der bisherigen Regelung von trockenen Weinen? Den wenigsten Spitzenweinen mit entsprechenden Extrakt- und Alkoholwerten steht der halbsüße Stil wirklich gut zu Gesicht. Und als Begleiter zu vielen Speisen sind sie besonders in der Jugend schlicht ungeeignet. Sollen wir also auch hier riskieren, dass anspruchsvolle Genießer – die eigentliche Zielgruppe der äSelection“ – wieder zum Chablis, zum Burgunder, zum Italiener zurückkehren, weil man ihnen mit den deutschen Topgewächsen fast nur noch halbtrockene Weine unterjubelt?

Noch eine kleine Bemerkung zu den Begriffen an sich: Warum heißen die neuen Qualitäten nicht Klassik und Selektion? Müssen wir jetzt äKlässik“ und äSilektschn“ sagen? Wann zieht auch in der Weinbranche endgültig die Unsitte der Verenglischung unserer Sprache ein? Wird es bald – dem Sport entlehnt – Gutsnamen geben wie: äRhinehardshausen Barons“, äBassermann Winetigers“ oder äEagles of Kesselstadt“? Is this really notwendig?

Erstes Gewächs und Großes Gewächs: echte Ausnahmeweine oder reine Preistreiberei?

Ich halte es allein für das Image des deutschen Weins für absolut notwendig, Weinbergslagen zu klassifizieren und deren Erzeugnisse, sofern die Qualität stimmt, auch klar als klassifizierte Spitzenprodukte gekennzeichnet auf den Markt zu bringen. Am französischen Vorbild ist eindrucksvoll zu erkennen, dass eine deutlich herausgestellte Elite eine unschätzbare Triebfeder für ganze Weinregionen und sogar Herkunftsländer darstellt. Jeder Produzent, der in Deutschland eifersüchtig auf die Besitzer anerkannter Spitzenlagen blickt und versucht, jegliche Klassifizierung und Herausstellung klassifizierter Produkte zu verhindern, agiert extrem kurzfristig. Er begreift nicht, welchen Vorteil er selbst aus dieser Situation ziehen kann. Jeder Burgunder- oder Bordeauxproduzent – und sei er auch noch so miserabel – kann alle seine Weine zu erheblich höheren Preisen verkaufen, als dies ohne diese Eliten möglich wäre, von deren Ansehen alle Erzeuger profitieren.
Ebenfalls absolut notwendig ist es jedoch auch, für eine entsprechende Qualität dieser Vorzeigeweine zu sorgen. Im Rheingau stellt das Erste Gewächs nun seit zwei Jahren die gesetzlich verankerte Elite vor allem unter den trockenen Weinen dar. Bereits im ersten Jahr gab es unter den freigegebenen Ersten Gewächsen solche, die diesen ehrenwerten Namen nicht unbedingt verdienten. Im Jahrgang 2000 hätte man wohl lieber ganz darauf verzichtet. Nur sehr wenige Rieslinge hatten im Rheingau das Format für einen echten Prestigewein und manche der angebotenen Topgewächse waren ein Hohn für die ganze Klassifikation. Ich weiß nicht ob es im Einzelfall Unfähigkeit zur Selbstkritik, sensorische Mängel, Ignoranz oder schlicht Gier war, die manche Erzeuger dazu veranlasste, dünne, unreife und säurebetonte Weine zur Zulassungsprüfung für das Erste Gewächs anzustellen. So lange diese Prüfung von den betreffenden Produzenten jedoch in Eigenverantwortung durchgeführt wird, scheint man nicht in der Lage zu sein, den Weinen gegenüber auch nur annähernd kritisch genug gegenüberzutreten.

In anderen Anbaugebieten scheint dies inzwischen auch ohne gesetzliche Regelung erheblich besser zu funktionieren. In der Pfalz waren auch unter den als äGroßes Gewächs Pfalz“ erschienenen 2000er Prestigegewächsen kaum Enttäuschungen. Und die entsprechende Initiative in Rheinhessen hat mit ihrer ersten Präsentation 2001 gezeigt, wie es geht: fast ausschließlich erstklassige Weine, die den Namen äGroßes Gewächs“ zurecht tragen.

Doch wie schon bei Classic und Selection habe ich auch bei Ersten und Großen Gewächsen Bedenken, was die erlaubten Restzuckermengen angeht. Warum benötigt ein aus vollreifen Trauben erzeugter, kraftvoller Spitzenwein schmeckbaren Restzucker um harmonisch zu sein? Fehlt den meisten Produzenten in Deutschland wirklich das nötige Selbstvertrauen um knochentrockene Weine von Weltklasse zu erzeugen, oder möchte man sich hier bewusst die Möglichkeit offen halten, gewisse Schwächen im Wein zu kaschieren?

Neue önologische Verfahren: notwendig zur Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit oder Ausverkauf der Individualität?

Technik und Wissenschaft haben die Möglichkeiten der Weinbereitung in den letzten Jahren grundlegend verändert und erweitert. Kaum ein berühmtes Chateau in Bordeaux arbeitet heute noch ohne Mostkonzentration, Aromahefen sorgen vielerorts für im besten Wortsinne blendenden Geschmack und Holzschnipsel in den Tanks für die scheinbar erforderliche Kosmetik.

Was hat nun der Verbraucher von dieser Art Fortschritt? Eines ist klar: mit Hilfe von ausgefeilter Kellertechnik und allerlei Hilfsmitteln lassen sich aromaintensive, auf internationalen Einheitsgeschmack getrimmte Weine in Massen zu günstigen Preisen Produzieren. Grundsätzlich gibt es dagegen nur wenig einzuwenden, da ein großer Teil der Weinkonsumenten sich nicht im Geringsten für Dinge wie Herkunft, Charakter oder Authentizität dessen, was er da trinkt interessiert. Hier geht es nur darum, ein im Trend liegendes alkoholisches Getränk zu finden, das preiswert und zugleich schmackhaft ist.

Es gibt jedoch heutzutage auch eine andere Entwicklung. Immer mehr Menschen interessieren sich tatsächlich für Wein, nicht nur als Getränk, sondern als Teil ihrer Lebenskultur. Hier wird die Frage nach der Anwendung neuer Weinbereitungsverfahren weniger zu einem wissenschaftlichen oder ökonomischen, sondern vielmehr zu einem philosophischen Thema. Wein ist von je her ein Kulturprodukt in dessen Entstehungsprozess schon immer seitens des Menschen lenkend eingegriffen wurde. Doch wo ist die Grenze zwischen wünschenswerter Steuerung und der Erzeugung eines völlig verfremdeten Kunstprodukts?

Immer wieder heißt es, die neuen önologischen Verfahren seinen dazu da, Weine schlicht besser zu machen. Gerade bei der Mostkonzentration wird darauf hingewiesen, dass nur bereits sehr gute Moste sich zur äVerbesserung“ eignen. Das verrückte an der Sache ist, dass man uns wirklich weis machen will, man könnte aus einem sehr guten Wein mit Hilfe eines fundamentalen Eingriffs in seine ganze Struktur und Balance einen Großen machen. Mir fällt es schwer, dieser Argumentation zu folgen.

Doch selbst wenn dies gelänge, wenn es wirklich möglich wäre, durch bedachten Einsatz aller möglichen und zulässigen Mittel einen Wein zu kreieren, der allen Anfechtungen stand hält und wirklich zweifellos besser, authentischer, individueller ist, als dies ohne Eingriffe möglich wäre, glaube ich kaum, dass wir Verbraucher einen tatsächlichen Gewinn davon hätten. Es wird sich meiner Ansicht nach kaum verhindern lassen, dass die Möglichkeiten ihre Nutzer mit der Zeit korrumpieren. Zu groß ist die Verlockung, einen schnell verkäuflichen, weil Massenkompatiblen Einheitswein zu produzieren. Schon ohne technische Hilfsmittel schreitet diese Entwicklung immer weiter voran. Ich kenne keine grauenhaftere Vorstellung, als die, dass mir in naher Zukunft nicht mehr die Wahl bleibt, welche Art Wein ich trinken möchte, so wie ich bereits heute kaum mehr die Wahl habe, welches Gemüse ich esse, weil es fast nur noch Fades und Wässriges aus holländischen Gewächshäusern gibt. Ich möchte nicht auch hier einer der letzten Generationen angehören, die noch weiß, wie echter Wein schmeckt, weil alle Produzenten einer schleichenden Vereinheitlichung unterworfen sind.
Das Hauptargument aller Befürworter neuer önologischer Verfahren ist die Wettbewerbsfähigkeit mit Weinbauländern, in denen diese bereits zugelassen sind. Seltsamerweise käme niemand je auf die Idee zu behaupten, die großen Weine des vergangenen Jahrhunderts könnten mit den nach neuen Methoden produzierten Erzeugnissen nicht mehr konkurrieren. Doch schon heute scheint sich kaum jemand mehr auf die Qualität, die er in seinem Weinberg erzeugen könnte, konzentrieren zu wollen. Die Köpfe selbst vieler Spitzenproduzenten sind bereits infiziert mit dem Gedanken, man könne im Keller doch noch aus 100 Prozent 120 machen. Dummerweise macht uns gerade das Bordelais vor, dass diese Vorstellung ein großer Trugschluss ist. Während die Weine der dortigen Spitzenproduzenten selbst aus den teils katastrophalen Jahrgängen in den 60ern heute noch oft mit Genuss zu trinken sind, fallen die Mostkonzentrierten 92er und 93er bereits auseinander. Während man mit hyperkonzentrierten Fruchtbomben versucht der scheinbar übermächtigen Konkurrenz aus Übersee entgegenzutreten geht man dort zum Teil längst den gegenteiligen Weg zu weniger Alkohol, weniger Wucht und mehr Klasse, Charme und Authentizität.

In Deutschland ist die Situation kaum anders. Auf der ganzen Welt versuchen engagierte Weißweinerzeuger, dem deutschen Vorbild leichter Weine mit enormer Ausdruckskraft nachzueifern und hierzulande faselt man von äinternational trockenem“ Geschmack; und das mit ausländischen Vorbildern im Kopf, die in Sachen Qualität und Trinkfreude das einheimische Niveau nur in den seltensten Fällen erreichen. Begreift denn niemand die einmalige Chance, sich in Deutschland als Produzenten eigenständiger, unverwechselbarer Weine mit klarem Herkunftscharakter weltweit zu profilieren? Sind wir wirklich so blöd zu glauben, den Anderen wieder einmal alles nachmachen zu müssen um konkurrenzfähig zu bleiben? Sieht denn niemand, dass dieser Schuss nach hinten los geht?

Der Jahrgang 2000

Ein extrem früher Austrieb (zum Teil schon in der 3. Märzwoche) und eine mancherorts bereits Ende Mai einsetzende Blüte ließen früh Hoffnungen auf einen Jahrhundertjahrgang aufkommen. Der ideale Witterungsverlauf sorgte für einen Reifevorsprung von bis zu 3 Wochen, dem selbst der relativ kühle Juli wenig anhaben konnte. Ab Mitte August setzte nach und nach in allen Weingebieten Regen ein – und hörte von da an praktisch nicht wieder auf. Mit der feuchten und gleichzeitig warmen Witterung kam auch die Fäulnis. Während die frühreifen Sorten vielerorts schnell und in überwiegend gesundem Zustand eingefahren werden konnten, blieb bei Riesling und anderen späten Arten nichts anderes übrig, als zu warten und bald täglich die faulen Trauben auszulesen.

Am Ende konnten aus manchen Lagen nur winzige Mengen gesunden Traubenguts eingebracht werden, nicht wenige Parzellen faulten gar innerhalb weniger Tage vollkommen weg. Doch nicht überall war die Situation gleich schlimm. Während vor allem die Mittelhaardt und weite Teile des Rheingau katastrophale Zustände erlebten, hatten die Terrassenmosel, manche Bereiche der Nahe und Württembergs, das Markgräflerland, der östliche Teil Frankens und die beiden Weinbaugebiete der neuen Bundesländer offensichtlich Glück. Hier konnte ein mehr oder weniger großer Teil der Lese bei trockenen Bedingungen stattfinden, was sich in häufig sehr reintönigen und gut strukturierten Weinen niederschlug.

Überhaupt barg der Jahrgang auch Chancen. Im Gegensatz zu 1999 war diesmal die Wasserversorgung nirgends ein Problem. Bei sorgfältigster Weinbergsarbeit war es daher in den meisten Gebieten durchaus möglich, Weine mit hohem Extrakt und sehr saftiger Frucht zu keltern, beides Attribute, die 1999 oft fehlten. Das macht sich besonders deutlich an der Mosel bemerkbar, wo nach den manchmal sehr blassen und kurzlebigen 99ern unter den Händen gewissenhafter Erzeuger wieder Rieslinge mit Substanz und Reifepotenzial entstanden sind. In Baden wiederum ist die Zahl flacher Alkoholbomben deutlich niedriger als im Vorjahr.

Überrascht bin ich, wie vielen Produzenten dieses Jahr ansprechende Rotweine geglückt sind. In manchen Fässern schlummern Tropfen, die ich unter diesen Umständen kaum für möglich gehalten hätte und an der Ahr wurden mit fast übermenschlichem Aufwand einige echte Spitzenweine auf die Flasche gebracht. Kaum ein namhafter Produzent leistete sich hier Schwächen.

Leider wirft der ziemlich laxe Umgang vieler Verbandsfunktionäre, Genossenschaftsvorstände und auch Selbstvermarkter mit der Wahrheit einen Schatten auf die positiven Aspekte des Jahrgangs 2000. Die Ernteberichte strotzen oft nur so von Superlativen wie äTraumjahr“ oder äJahrhundertjahrgang“. Da werden Oechslegrade zelebriert, ohne Rücksicht darauf, ob diese nun durch Edelfäule verursacht wurden, oder durch Grau- und Sauerfäule, was erheblich häufiger vorkam. Die Zahl der wirklich reintönigen Dessertweine ist dieses Jahr verschwindend gering und die Mengen, die hinter diesen Gewächsen stehen spotten jeder Beschreibung. Doch auch in allen anderen Geschmacksbereichen und äQualitätsstufen“ sind wirklich saubere und reife Weine eher die Ausnahme als die Regel. Selbst bei Spitzenproduzenten ließen sich von der Fäulnis herrührende Wachsaromen oder unreife und grüne Noten oft nicht vermeiden. Zudem merkt man vielen Weinen die erheblichen Eingriffe, die im Keller bei ungenügend selektiver Lese nötig waren, um überhaupt einen halbwegs trinkbaren Wein auf die Flasche zu bringen, deutlich an. Kaum eine Handvoll Betriebe konnte wirklich eine große Kollektion präsentieren. In den meisten anderen Fällen deutet die Rede von einem Traum- und Jahrhundertjahrgang auf einen eklatanten Mangel an Respekt vor den Verbrauchern hin. Vielleicht sind aber auch Verlogenheit und Ignoranz manchmal die treffenderen Worte. Wann wird man endlich einsehen, dass solches Verhalten und eben nicht das Aussprechen unangenehmer Wahrheiten den Weinbau in ganz Deutschland immer und immer wieder in Verruf bringt?

Der Jahrgang 1999

Auch wenn es wie immer deutliche regionale Unterschiede gab, wurde der Jahrgang so gut wie überall in Deutschland von drei Faktoren geprägt: einer frühen Blüte, extremer Hitze im Sommer und zeitweise feucht-warmer Witterung im Herbst. Während im Sommer die Trauben am Stock verbrannten und teilweise der Reifeprozess aufgrund der Trockenheit ins Stocken geriet, sorgte das warme feuchte Wetter im Herbst für ein Aufblähen der Beeren und einen deutlichen Rückgang der Extraktwerte. Wer die Lese zu früh ansetzte, lief Gefahr, zwar analytisch, aber nicht physiologisch reife Beeren zu ernten. So erklären sich auch trockene Spät- und Auslesen mit über 13% Alkohol und dennoch sehr mäßigem Extrakt und zum Teil unreifen, grasigen Aromen. Nicht selten sind die Kabinette daher harmonischer, als die vermeintlichen Spitzenweine..
Der Stress, dem die Reben ausgesetzt waren, sorgte zudem vielerorts für äuntypische Altersnoten“ (UTA), mit denen dieses Jahr auch einige ansonsten sehr zuverlässige Produzenten Probleme hatten. Diejenigen Erzeuger, die bereits früh begannen, ihre Weinberge auszudünnen und die Lese sehr lange hinauszögerten, hatten eindeutig die Nase vorn und konnten zum Teil überragende Resultate vor allem im trockenen Bereich einfahren.

Unregelmäßige Botrytisentwicklung erschwerte jedoch die Produktion edelsüßer Spitzenweine mitunter erheblich. Auch die Eisweinlese verzögerte sich manchmal bis weit in den Januar, was der Reintönigkeit der Ergebnisse nicht immer zuträglich war. Viele Eisweine, Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen sind durch pilzige Geschmacksnoten beeinträchtigt, oder leiden Mangel an Rasse und Komplexität. Nicht selten sind die Auslesen besser, als die höheren Prädikate.

Ein besonderes Jahr war 1999 allerdings für die Rotweine, vor allem jene aus Burgundersorten. Ihnen kamen die Jahrgangsbedingungen erheblich mehr entgegen als den meisten weißen Arten. So entstand eine Fülle sehr guter bis hervorragender Rotweine, wie es sie in Deutschland in der Menge und Qualität bislang nicht gab. An der Ahr und im Rheingau, in Franken und in der Pfalz wurden neue Qualitätsmaßstäbe gesetzt. In Baden zeigte ausgerechnet ein Seiteneinsteiger aus Bühl, was möglich ist, während mancher etablierte Betrieb mir etwas zu sehr auf Eichenholz und übertriebene (teils maschinelle) Konzentration setzte.
Alles in allem also kein einfacher Jahrgang, der in manchen Bereichen deutlich die Spreu vom Weizen trennte und zu hohe Erträge gnadenlos bestrafte. Dabei gelang es dennoch einer ganzen Reihe von Erzeugern, die Möglichkeiten des Jahrgangs optimal zu nutzen und großartige Kollektionen vorzustellen.

Wie dieser Führer entsteht

Jedes Frühjahr werden zur Zeit etwas über 1500 Produzenten aus unserer Datenbank eingeladen, Proben zur Blindverkostung in die Redaktion nach Erlangen zu senden. Die Produzenten haben bis Mitte Oktober Zeit, dieser Bitte nachzukommen, sodass sich niemand gedrängt fühlen muss, Weine früher abzufüllen oder einzureichen als gut für sie wäre. Die Probeflaschen werden nach Eintreffen von Assistenten mit allen relevanten Daten erfasst, anonymisiert und mit einer Probennummer versehen.
Vor der Verkostung werden die Weine in Serien nach Herkunft, Rebsorte und Süßegrad eingeteilt. Innerhalb der Serien findet noch einmal eine Staffelung nach Alkohol und/oder Restsüße statt, um möglichst faire Verkostungsbedingungen zu gewährleisten. Die Degustation erfolgt stets blind in unserem Verkostungsraum im Keller. Hier herrschen neben relativ konstanten Temperaturen vor allem immer gleiche Lichtverhältnisse, was Beeinflussungen von Außen so weit wie möglich zu reduzieren hilft. Die Benotung und Beschreibung der Weine erhält noch während der ersten Verkostung ihre endgültige Form, wenngleich ich viele von Ihnen später noch einmal offen probiere, um Rückschlüsse auf ihren Herkunftscharakter, ihr Terroir führen zu können.
In den Weinführer werden ausschließlich in Erlangen blind probierte Originalabfüllungen aufgenommen. Bewertungen, die auf Messen, bei den Produzenten oder aus anderen Gründen nicht verdeckt vorgenommen wurden, finden keine Aufnahme im offiziellen Teil, können aber im Begleittext zumindest erwähnt werden. Auch Fassproben werden nicht berücksichtigt.

Die Bewertung und das Punktesystem

Bei offiziellen Verkostungen deutscher Weine wird in der Regel ein am einheimischen Durchschnitt orientierter Maßstab angelegt. Das mag eine akzeptable Vorgehensweise für regionale Wettbewerbe darstellen, für eine umfassende Bestandsaufnahme der Leistungen eines Erzeugerlandes ist sie gänzlich ungeeignet. Die bei den Verkostungen für den wein-plus Weinführer Deutschland gewonnenen Ergebnisse können nur im internationalen Maßstab eingeordnet werden, um tatsächliche Aussagekraft zu besitzen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Weine einen austauschbaren, international mehrheitsfähigen Geschmack vorweisen müssten, um eine positive Beurteilung zu erhalten. Ganz im Gegenteil. Wichtige Qualitätsmerkmale für einen erstklassigen Wein sind seine Individualität und die Fähigkeit, seine Herkunft in einem mehr oder weniger genau definierbaren Geschmack auszudrücken.
Zu messen haben sich diese Weine jedoch an den besten Erzeugnissen anderer Länder. Die Voraussetzung, um hier zu einem relativ gesicherten Urteil zu kommen, ist eine gute Kenntnis dieser Erzeugnisse. Noch während meiner Arbeit am Weinführer verbrachte ich nahezu jede Woche mehrere Stunden mit der Verkostung von Weinen aus allen Anbaugebieten der Welt, um auf diesem Gebiet nie den Horizont aus den Augen zu verlieren.

Die Bewertung erfolgt nach dem aus den USA stammenden und dem dortigen Schulnotensystem entlehnten 100-Punkte-Schema. Es scheint hierbei weltweit verschiedene Auffassungen darüber zu geben, wie streng dieses System interpretiert werden sollte. Ich für meinen Teil ziehe eine strenge Interpretation vor, was dazu führt, dass hier die empfehlenswerten Weine bereits bei 75 Punkten beginnen und alles über 80 Punkten bereits als "sehr gut" eingestuft ist und großen Genuss bereitet. Bitte halten sie sich diese Benotungspraxis stets vor Augen, wenn Sie dieses Buch benutzen, da dies für das Verständnis der Bewertungen unerlässlich ist.

Die Beurteilung von Weinen aufgrund von Punktnoten ist nicht unumstriten. Die Kritiker dieser Praxis bezweifeln, dass sich komplexe sinnliche Erfahrungen, wie sie Wein zweifellos bescheren kann, in exakten Punktnoten ausdrücken lassen. Dieses Argument lässt sich natürlich nicht ganz von der Hand weisen. Dennoch ist es kaum anders möglich, eine allgemeine qualitative Einschätzung zu vermitteln, ohne dabei in völlig verquaste Prosa zu verfallen. Keinesfalls soll auf diese Art ein Absolutheitsanspruch vermittelt werden. Bei einem lebendigen Produkt, wie es Wein nun einmal ist (oder sein sollte), wäre dies reine Anmaßung. Um jedoch die Urteile nicht auf reine Punktzahlen zu reduzieren, wird zu jeder Probe auch eine ausführliche Verkostungsnotiz veröffentlicht. Sie soll Ihnen zudem dabei helfen, sich ein Bild von der Stilistik jedes Weins zu machen.

Bitte vergessen Sie niemals, dass Punkte und Beschreibungen in diesem Fall das Ergebnis der Anstrengungen eines Einzelnen sind. Sie spiegeln meine Gewissenhaftigkeit und Leidenschaft ebenso wieder, wie meinen Mangel an Vollkommenheit – falls es so etwas in der Weinkritik überhaupt geben kann. Bitte gehen Sie also davon aus, dass ich zum einen Fehler mache, zum Anderen in mancher Hinsicht vielleicht eine ganz andere Einstellung zu bestimmten Weinstilen, Geschmacksrichtungen und Produktionsmethoden habe, als Sie sie besitzen. Ein kritischer Umgang mit diesem Werk inklusive Rückmeldung ist also ausdrücklich erwünscht.

Hinweise zu den Erzeugern

Die einzelnen Weingüter sind mit ihren wichtigsten Adressdaten, Angaben zu den Inhabern, sowie gegebenenfalls zu Kellermeistern und Verwaltern vertreten. Dazu kommen Informationen für den Besucher, soweit uns diese zur Verfügung gestellt wurden. Die Gutsportraits basieren größtenteils auf bei persönlichen Gesprächen mit den Produzenten gewonnenen Erkenntnissen. Aus Zeitgründen kann ich jedes Jahr nur einen Teil der Güter persönlich besuchen, weshalb die Portraits erst nach und nach vervollständigt werden können. Ziel ist es, etwa alle 4 Jahre jeden Produzenten einmal persönlich aufzusuchen, um mich vor Ort ins Bild zu setzen. Bei bedeutenden Erzeugern wird dies auch öfter der Fall sein.
Neben Art und Menge der mir zur Verfügung stehenden Informationen entscheidet auch die Qualität und historische Bedeutung eines Betriebes über Vorhandensein beziehungsweise Länge eines Portraits. Zudem werden nur solche Produzenten besprochen, die Proben zur Verkostung angestellt und mit diesen eine ausreichende Mindestqualität erreicht haben.

Am Ende der einzelnen Anbaugebiete bzw. Bereiche werden zu Ihrer Information noch Adressen weiterer Betriebe aufgelistet. Eine qualitative Aussage wird mit der Veröffentlichung dieser Adressen ausdrücklich nicht getroffen.